
Von Christoph Sochart
Manchmal braucht es eine Studie, damit eine Wahrheit amtlich klingt, die in der Praxis längst bekannt ist: Deutschland kann es sich nicht leisten, auf Frauen in technischen Berufen zu verzichten.
Der Düsseldorfer Ingenieur-Verein VDI spricht von fast 370.000 unbesetzten MINT-Stellen und einem Milliardenpotenzial, das brachliegt. Die Botschaft ist eindeutig: Frauen in Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik sind kein freundliches Zusatzprogramm für Sonntagsreden. Sie sind ein entscheidender Faktor für Innovation, Wohlstand und Wettbewerbsfähigkeit.
Das Entscheidende an der VDI-Studie ist aber nicht nur die Zahl der fehlenden Fachkräfte. Es ist der Blick auf die Ursache. Das Problem liegt nicht darin, dass Mädchen zu wenig können. Das Problem liegt darin, dass ihnen zu oft zu wenig zugetraut wird – von klein auf, im Elternhaus, in der Schule, im Studium und später im Unternehmen.
Technik hat in Deutschland noch immer ein Geschlechterbildproblem. Der Schraubenschlüssel wird dem Jungen zugereicht, die soziale Kompetenz dem Mädchen zugeschrieben. Der Junge soll bauen, das Mädchen soll sich kümmern. Solche Erwartungen sind nicht harmlos. Sie entscheiden mit darüber, welche Talente sich entwickeln – und welche gar nicht erst sichtbar werden.
Dabei ist Düsseldorf kein Anfänger in dieser Debatte. Die Wirtschaft in unserer Stadt engagiert sich seit 30 Jahren für das Thema „Mädchen & Technik“: der Arbeitgeberverband der Metall- und Elektroindustrie, die IHK, die Handwerkskammer, die Kreishandwerkerschaft und die Stiftung Pro Ausbildung gemeinsam mit Unternehmen wie dem Sprinterwerk und Konecranes. Dieses Engagement zeigt: Die Wirtschaft wartet nicht erst auf den nächsten Arbeitsmarktbericht. Sie handelt.
Und dennoch reicht es nicht, Mädchen einmal im Jahr in eine Werkstatt einzuladen und ihnen einen Roboter zu zeigen. Das ist ein guter Anfang – aber noch keine strukturelle Veränderung. Entscheidend ist, was danach kommt: Gibt es Vorbilder? Werden Mädchen ernst genommen, wenn sie technische Fragen stellen? Erleben sie Unternehmen als Orte, an denen sie mit ihren Fähigkeiten willkommen sind? Und können Frauen dort Karriere machen, ohne sich zwischen beruflicher Entwicklung und familiärer Verantwortung entscheiden zu müssen?
Die Studie bringt es auf den Punkt: Nicht die Frauen müssen sich an veraltete Strukturen anpassen. Die Strukturen müssen sich verändern. Flexible Arbeitszeiten, geteilte Führung und eine neue Bewertung von Teilzeit sind keine Sonderwünsche. Sie sind moderne Instrumente der Fachkräftesicherung.
Mehr Frauen in technischen Berufen verändern dabei nicht nur die Statistik. Sie verändern auch die Perspektive. Technik wird dann nicht weniger leistungsfähig, sondern oft umfassender gedacht: mit stärkerem Blick auf Nachhaltigkeit, ethische Fragen und die Wirkung technischer Entscheidungen auf die Gesellschaft.
Mein persönlicher Eindruck ist deshalb: Düsseldorf hat beim Thema „Mädchen & Technik“ einen wichtigen Vorsprung – vor allem, weil hier seit Jahrzehnten nicht nur geredet, sondern ausprobiert, ermöglicht und vernetzt wird. Aber aus dem Vorsprung darf kein Ruhekissen werden.
Die Frage lautet nicht mehr, ob Mädchen Technik können. Das ist längst beantwortet.
Die Frage lautet: Sind wir bereit, ihnen den Raum zu geben, in dem sie es zeigen können?
