Die schlechte Nachricht passt in eine Tabellenzeile: Nordrhein-Westfalen landet im INSM-Bildungsmonitor 2026 auf Rang 14 von 16 Bundesländern. Bei der Schulqualität und bei der beruflichen Bildung erreicht NRW jeweils Rang 15. Das ist kein Ergebnis, das man schönreden sollte.

Aber es ist auch kein Grund, Nordrhein-Westfalen den Bildungsabstieg zu bescheinigen. Ein Ranking ist eine Momentaufnahme. Es zeigt, wo ein Land steht. Es zeigt aber nicht automatisch, wohin es sich entwickeln kann.

Genau darin liegt die positive Botschaft dieses Bildungsmonitors: Nordrhein-Westfalen hat nicht nur Probleme, sondern auch belastbare Ansatzpunkte für die Aufholjagd.

Die Fakten sind ernst – und deshalb wertvoll

Der Bildungsmonitor des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), den die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft in Auftrag gegeben hat, betrachtet 98 Indikatoren in 13 Handlungsfeldern. Bewertet werden unter anderem Bildungsarmut, Schulqualität, berufliche Bildung, Digitalisierung, Forschung und Integration.

Die Daten stammen überwiegend aus den Jahren 2023 und 2024. Damit beschreibt die Studie vor allem die Vergangenheit. Viele Maßnahmen, die inzwischen auf den Weg gebracht wurden, können sich in den Ergebnissen noch gar nicht vollständig niederschlagen.

Das schmälert die Aussagekraft nicht. Im Gegenteil: Gute Bildungspolitik braucht einen ehrlichen Blick auf die Ausgangslage. Wer Probleme misst, kann Fortschritte später auch nachweisen.

NRW ist besser, als es der Tabellenplatz vermuten lässt

Nordrhein-Westfalen steht im Gesamtranking zwar auf Platz 14. In mehreren Bereichen zeigt das Land jedoch Stärken, an die sich anknüpfen lässt.

Bei der Zeiteffizienz erreicht NRW Rang 4. Nur 1,2 Prozent der Grundschülerinnen und Grundschüler wurden 2024 verspätet eingeschult. Im Bundesdurchschnitt waren es 6,3 Prozent. Auch die Wiederholerquoten liegen leicht unter dem Bundesdurchschnitt. Das zeigt: Wenn Strukturen funktionieren, kann Nordrhein-Westfalen sehr wohl vorne dabei sein.

Auch bei der Integration erreicht NRW Rang 7. Die Studienberechtigtenquote ausländischer Jugendlicher an allgemeinbildenden Schulen liegt mit 10,8 Prozent über dem Bundesdurchschnitt von 8,0 Prozent. Der Anteil ausländischer Schulabgängerinnen und Schulabgänger ohne Abschluss liegt mit 18,7 Prozent ebenfalls etwas unter dem Bundesdurchschnitt von 20,0 Prozent.

Bei der Forschungsorientierung landet NRW ebenfalls auf Rang 7. Die Forschungsausgaben je Forscherin und Forscher liegen über dem Bundesdurchschnitt. Auch bei den eingeworbenen Drittmitteln je Professorin und Professor schneidet das Land besser ab.

Und bei der Digitalisierung erreicht NRW Rang 7. Besonders stark ist die IT-Berufsausbildung: Auf 100.000 Erwerbstätige kommen 48,2 neue betriebliche Ausbildungsverträge im IT-Bereich. Der Bundesdurchschnitt liegt bei 39,7.

Das sind keine Fußnoten. Das sind Fundamente.

Bildungsausgaben steigen – jetzt müssen die Wirkungen folgen

Eine weitere positive Entwicklung wird leicht übersehen: Die Bildungsausgaben je Grundschülerin und Grundschüler sind in Nordrhein-Westfalen von 2020 bis 2024 um rund 29 Prozent gestiegen. Bundesweit lag der Anstieg bei rund 22 Prozent.

Mehr Geld allein löst kein Bildungsproblem. Aber ohne ausreichende Ressourcen wird Bildungsqualität nicht dauerhaft besser. Entscheidend ist deshalb die nächste Frage: Kommt das Geld dort an, wo es die größten Wirkungen entfalten kann – in der frühen Sprachförderung, in den Grundschulen, in herausfordernden Sozialräumen und bei der Unterstützung von Lehrkräften?

Der Bildungsmonitor liefert dafür eine klare Richtung. NRW stärkt die empirisch orientierte Qualitätsentwicklung an Schulen und will mit dem Schulkompass die Lernzuwächse von Klassen künftig systematischer erfassen. Auch bei der Sprachförderung in Kindertageseinrichtungen gibt es wichtige Ansätze.

Das ist der Unterschied zwischen einer Diagnose und einem Ausweg: Die Diagnose liegt vor. Die Instrumente beginnen, sich zu entwickeln.

Die entscheidende Aufgabe: Aus Erkenntnis muss Umsetzung werden

Die größten Herausforderungen liegen bei den Basiskompetenzen. Zu viele Jugendliche erreichen die Mindeststandards in Mathematik und Naturwissenschaften nicht. Zu groß ist die Risikogruppe. Zu schwach ist die Erfolgsquote an beruflichen Vollzeitschulen.

Das ist nicht nur eine schulpolitische Frage. Es ist eine wirtschaftliche Frage. Unternehmen brauchen junge Menschen, die rechnen, lesen, digitale Werkzeuge verstehen, Probleme lösen und Verantwortung übernehmen können. Wer heute bei den Basiskompetenzen spart, bezahlt morgen mit Fachkräftemangel, geringerer Produktivität und weniger Aufstiegschancen.

Deshalb sollte NRW drei Prioritäten setzen:

  1. Früh beginnen: Sprachstand und Basiskompetenzen müssen vor dem Übergang in die Grundschule verlässlich erkannt und gefördert werden.
  2. Gezielt investieren: Schulen in besonders herausfordernden Lagen brauchen zusätzliche Ressourcen, gute multiprofessionelle Teams und mehr Entscheidungsspielräume.
  3. Übergänge stärken: Schule, Berufsorientierung, Ausbildung und Unternehmen müssen enger zusammenarbeiten. Kein junger Mensch darf auf dem Weg von der Schule in den Beruf verloren gehen.

Hinzu kommt: Der Erfolg darf nicht allein an Durchschnittswerten gemessen werden. Entscheidend ist, ob ein Kind aus einem schwierigen Start heraus echte Aufstiegschancen erhält. Bildungspolitik ist dann erfolgreich, wenn Herkunft weniger über Zukunft entscheidet.

Der Standort NRW kann Aufholmeister werden

Nordrhein-Westfalen ist ein großes, vielfältiges und wirtschaftlich bedeutendes Land. Es verfügt über starke Unternehmen, leistungsfähige Hochschulen, eine breite Ausbildungslandschaft und eine hohe industrielle, technologische und gesellschaftliche Kompetenz.

Was bislang nicht ausreichend gelingt, ist die Übersetzung dieser Stärke in bessere Bildungsergebnisse für alle. Genau hier liegt die Aufgabe der kommenden Jahre.

Wir sollten den Bildungsmonitor deshalb nicht als Abgesang lesen, sondern als Arbeitsauftrag. Er sagt uns, wo die Probleme liegen. Er zeigt zugleich, wo NRW bereits gut ist: bei der Forschungsorientierung, bei der IT-Ausbildung, bei der Integration und bei der Zeiteffizienz.

Darauf lässt sich aufbauen. Mit früher Förderung. Mit klaren Qualitätszielen. Mit mehr Daten, aber auch mit mehr Vertrauen in Schulen. Mit starken Partnerschaften zwischen Schulen, Hochschulen, Unternehmen und Politik.

Der Bildungsstandort Nordrhein-Westfalen steht vor einer Bewährungsprobe. Aber er steht nicht vor dem Ende seiner Möglichkeiten.

Der Weckruf ist laut. Die Chancen sind es auch. Jetzt kommt es darauf an, aus beidem einen Aufbruch zu machen.

Quellen

Hinweis: Der INSM-Bildungsmonitor nimmt eine bildungsökonomische Perspektive ein und wertet Daten aus unterschiedlichen Quellen aus. Die Ergebnisse sind daher ein wichtiger Baustein der Bildungsdebatte, aber nicht die vollständige Beschreibung schulischer Qualität.