Foto: Chat GPT für Kompetenzzentrum Berufliche Orientierung

Die duale Berufsausbildung genießt bei jungen Menschen einen deutlich besseren Ruf als häufig angenommen. Das zeigt eine aktuelle Studie der Bertelsmann Stiftung in Gütersloh: Neun von zehn Auszubildenden sind mit ihrer Ausbildung zufrieden, 87 Prozent würden sich erneut für ihren Beruf entscheiden. Die eigentliche Herausforderung liegt nicht in der Attraktivität der Ausbildung, sondern darin, den Weg dorthin zu erleichtern.

Gerade für Unternehmen in Düsseldorf und der Region ist diese Erkenntnis von großer Bedeutung. Während in vielen Branchen dringend Fachkräfte gesucht werden, bleiben Ausbildungsplätze unbesetzt. Gleichzeitig zweifeln insbesondere Jugendliche mit niedrigem Schulabschluss an ihren Chancen auf einen Ausbildungsplatz – obwohl viele Betriebe händeringend Nachwuchs suchen.

Die Studie macht deutlich: Die Ausbildung selbst überzeugt. Die befragten Auszubildenden loben vor allem das Betriebsklima, die Zusammenarbeit mit ihren Kolleginnen und Kollegen sowie die Qualität ihrer Ausbildung. Das widerlegt das häufig gezeichnete Bild, junge Menschen würden sich grundsätzlich lieber für ein Studium entscheiden. Tatsächlich kann sich inzwischen eine Mehrheit der Jugendlichen eine duale Ausbildung vorstellen.

Dennoch gelingt vielen Jugendlichen der Einstieg nicht. Häufig scheitern sie an komplizierten Bewerbungsverfahren, mangelnder Orientierung oder der Sorge, den Anforderungen nicht gerecht zu werden. Die Bertelsmann Stiftung sieht deshalb vor allem beim Übergang von der Schule in den Beruf Handlungsbedarf. Schulen, Unternehmen, Kammern und Arbeitsagenturen müssten Jugendliche noch gezielter begleiten und ihnen den Zugang zu einer Ausbildung erleichtern.

Auch in Düsseldorf wird seit Jahren daran gearbeitet, junge Menschen und Unternehmen besser zusammenzubringen. Zahlreiche Initiativen zur Berufsorientierung, Praktika, Ausbildungsmessen und Kooperationen zwischen Schulen und Betrieben verfolgen genau dieses Ziel. Sie gewinnen angesichts der aktuellen Studienergebnisse weiter an Bedeutung.

Für die Wirtschaft ist die Botschaft eindeutig: Die duale Ausbildung bleibt ein Erfolgsmodell. Damit sie ihre Stärke auch künftig entfalten kann, müssen jedoch mehr Jugendliche den Weg in die Betriebe finden. Nicht das Ansehen der Ausbildung ist das Problem – sondern die Hürden auf dem Weg dorthin.

Die Ergebnisse der Bertelsmann Stiftung senden damit ein ermutigendes Signal an Ausbildungsbetriebe: Wer jungen Menschen eine Chance gibt und sie frühzeitig anspricht, investiert nicht nur in den eigenen Fachkräftenachwuchs, sondern stärkt zugleich den Wirtschaftsstandort insgesamt.

Wer je einen Marathon gelaufen ist, kurz vor Schluss eines wichtigen Spiels noch einen Elfmeter verwandeln musste oder nach einer schweren Verletzung zurück auf den Platz gefunden hat, weiß: Der Körper macht nur die halbe Arbeit. Den Unterschied macht der Kopf. Genau diese mentale Stärke, die Spitzensportler über Jahre trainieren, lässt sich erstaunlich gut auf unseren Alltag und unseren Berufsalltag übertragen.
Was mentale Stärke eigentlich bedeutet
Mentale Stärke ist kein angeborenes Talent, sondern eine Fähigkeit, die trainiert werden kann – wie ein Muskel. Sie zeigt sich nicht darin, keine Angst oder Selbstzweifel zu haben, sondern darin, trotzdem weiterzumachen. Sportler lernen, mit Druck, Rückschlägen (auch dem „Scheitern“) und Erwartungen umzugehen, ohne sich davon lähmen zu lassen. Genau diese Muster – Fokus, Gelassenheit unter Druck, Umgang mit Niederlagen – sind auch im Büro, in Prüfungssituationen oder in schwierigen Lebensphasen Gold wert.
Warum das für uns alle relevant ist
Im Berufsleben begegnen uns ständig kleine und große Drucksituationen: die wichtige Präsentation, das schwierige Gespräch mit dem Chef, die Deadline, die einfach nicht näher rücken will. Wer hier mental stabil bleibt, trifft bessere Entscheidungen, bleibt handlungsfähig statt zu erstarren und erholt sich schneller von Rückschlägen. Und auch im Alltag – bei Konflikten, Verlusten oder einfach der Hektik des Lebens – hilft es, die Werkzeuge der Sportpsychologie zu kennen.
Fünf Tipps für mehr mentale Stärke
1. Setze dir Prozessziele statt nur Ergebnisziele
Sportler konzentrieren sich nicht nur auf den Sieg, sondern auf den nächsten Schritt: die nächste Wiederholung, den nächsten Ballkontakt. Übertrage das auf deinen Alltag: Statt „Ich muss dieses Projekt perfekt abschließen“ hilft „Ich erledige jetzt diesen einen Abschnitt gut“. Das reduziert Druck und macht große Aufgaben handhabbar.
2. Trainiere deine innere Sprache
Wie du mit dir selbst sprichst, beeinflusst, wie du handelst. Sportler arbeiten gezielt an ihrem Selbstgespräch, um Selbstzweifel durch konstruktive, ermutigende Gedanken zu ersetzen. Achte bewusst darauf, wie du in stressigen Momenten mit dir selbst redest – und korrigiere destruktive Gedankenmuster sofort.
3. Nutze Routinen, um Sicherheit zu schaffen
Vor dem Wettkampf haben viele Sportler feste Rituale – sie geben Halt in einer unsicheren Situation. Auch im Beruf helfen feste Abläufe, etwa ein fester Start in den Arbeitstag oder eine kurze Vorbereitungsroutine vor wichtigen Terminen, um Nervosität in Fokus zu verwandeln. Es gibt auch coole Mind Hacks, um gut in den Tag zu starten. Routinen funktionieren immer, aber: es sind „Routinen“, da wir sie Tag für Tag üben und damit auch unser Gehirn transformieren bzw. verändern können.
4. Lerne, Rückschläge als Information zu sehen, nicht als Urteil
„Scheitern“, auch wenn ich dieses Wort nicht mag, gehört zum Leben. „Rückschläge“ ist vielleicht ein „schöneres Wort“, aber warum soll man diese Situation nicht deutlich aussprechen, denn: Eine verlorene Partie bedeutet für einen Sportler nicht das Ende, sondern Material zum Lernen. Diese Haltung – Fehler als Feedback statt als persönliches Scheitern zu betrachten – nimmt viel Druck aus schwierigen Situationen und macht es leichter, wieder aufzustehen. Wie kommen wir da wieder raus? Wir feedbacken uns, was mir beim vergangenen Mal, als wir erfolgreich waren, anders gemacht haben.
5. Trainiere Erholung genauso bewusst wie Leistung
Kein Spitzensportler trainiert ohne Regenerationsphasen – Übertraining führt zu Verletzungen und mentaler Erschöpfung. Auch im Alltag und Beruf gilt: Bewusste Pausen, ausreichend Schlaf und Momente ohne Leistungsdruck sind keine Schwäche, sondern die Grundlage für langfristige Stärke.
Also: Mentale Stärke ist kein Privileg von Profisportlern. Es sind erlernbare Denk- und Verhaltensweisen, die uns helfen, mit Druck umzugehen, aus Rückschlägen zu lernen und langfristig belastbar zu bleiben – ob auf dem Spielfeld, im Büro oder im ganz normalen Alltag. Wer beginnt, diese fünf Prinzipien bewusst zu üben, wird merken: Der Kopf lässt sich genauso trainieren wie der Körper.

Lernen beginnt nicht nur im Kopf – sondern im ganzen Körper.

Über viele Jahrhunderte wurde Denken als etwas rein Geistiges betrachtet. Der Körper galt dabei eher als Transportmittel für das Gehirn. Die moderne Kognitionswissenschaft zeichnet jedoch ein anderes Bild: Unser Denken ist eng mit unserem Körper verbunden. Dieses Konzept wird als Embodiment(verkörperte Kognition) bezeichnet.

Embodiment beschreibt die Erkenntnis, dass unsere Wahrnehmung, unsere Bewegungen, unsere Körperhaltung und sogar unsere Gestik Einfluss darauf haben, wie wir denken, fühlen, entscheiden und lernen.

Was bedeutet Embodiment?

Der Begriff stammt aus der Kognitionspsychologie und den Neurowissenschaften. Er geht davon aus, dass unser Gehirn Informationen nicht isoliert verarbeitet. Stattdessen entstehen Gedanken immer im Zusammenspiel mit Körper und Umwelt.

Ein einfaches Beispiel:

Wer eine aufrechte Körperhaltung einnimmt, fühlt sich häufig selbstbewusster und handlungsfähiger. Umgekehrt kann eine zusammengesunkene Haltung das Gefühl von Erschöpfung oder Unsicherheit verstärken.

Unser Körper reagiert also nicht nur auf unsere Gedanken – er beeinflusst sie aktiv.

Warum ist Embodiment für Bildung bedeutsam?

Lernen ist kein rein intellektueller Prozess. Kinder und Erwachsene lernen nachhaltiger, wenn mehrere Sinne beteiligt sind.

Dazu gehören beispielsweise:

  • Bewegung beim Lernen
  • Gesten zur Unterstützung neuer Inhalte
  • Lernen durch Ausprobieren
  • Emotionale Erfahrungen
  • räumliche Orientierung

Wer Mathematik mit Materialien begreift, Wörter mit Gesten verbindet oder naturwissenschaftliche Phänomene experimentell erfährt, speichert Wissen häufig tiefer und langfristiger.

Was sagt die Forschung?

Studien zeigen unter anderem:

  • Körperliche Aktivität verbessert Aufmerksamkeit und Gedächtnis.
  • Gesten unterstützen das Verstehen komplexer Inhalte.
  • Emotionen beeinflussen die Lernfähigkeit erheblich.
  • Bewegung aktiviert Hirnnetzwerke, die auch für Problemlösen und Kreativität wichtig sind.

Embodiment bedeutet deshalb nicht, dass Bewegung lediglich eine angenehme Abwechslung ist. Sie ist ein wesentlicher Bestandteil erfolgreicher Lernprozesse.

Praktische Beispiele im Unterricht

Embodiment lässt sich ohne großen Aufwand integrieren:

  • Vokabeln mit passenden Bewegungen verknüpfen.
  • Zahlenräume durch Gehen oder Springen darstellen.
  • Naturwissenschaftliche Prozesse nachspielen.
  • Diskussionen im Stehen oder in wechselnden Positionen führen.
  • Kurze Bewegungsimpulse zwischen Lernphasen einbauen.

Gerade bei jüngeren Lernenden steigern solche Methoden Motivation, Konzentration und Merkfähigkeit.

Embodiment in der Erwachsenenbildung

Auch Erwachsene profitieren von verkörpertem Lernen.

Workshops, Fortbildungen oder Seminare werden nachhaltiger, wenn Teilnehmende aktiv handeln, diskutieren, visualisieren und Erfahrungen sammeln, anstatt ausschließlich Vorträgen zuzuhören.

Selbst kleine Veränderungen – etwa Stehtische, Gruppenarbeit oder Lernspaziergänge – können die Qualität des Lernens verbessern.

Grenzen des Embodiment-Ansatzes

Embodiment ist kein Wundermittel. Nicht jede Bewegung führt automatisch zu besseren Lernergebnissen. Entscheidend ist, dass körperliche Aktivitäten sinnvoll mit den Lerninhalten verknüpft sind.

Ebenso ersetzt Embodiment keine gute Didaktik. Vielmehr ergänzt es bestehende Lehr- und Lernmethoden um eine wichtige Perspektive: Lernen ist immer ein Zusammenspiel von Denken, Fühlen und Handeln.

Fazit

Embodiment verändert unseren Blick auf Bildung grundlegend. Lernen findet nicht ausschließlich im Gehirn statt, sondern im gesamten Menschen. Wer den Körper bewusst in Lernprozesse einbezieht, schafft bessere Voraussetzungen für Verständnis, Motivation und nachhaltigen Wissenserwerb.

Die Erkenntnis ist ebenso einfach wie weitreichend:

Wir denken nicht nur mit unserem Gehirn – wir denken mit unserem ganzen Körper.

Der deutsche Arbeitsmarkt steht vor einem tiefgreifenden Wandel – und die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Seit 2024 wird das Beschäftigungswachstum ausschließlich von ausländischen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern getragen. Während immer mehr Deutsche altersbedingt aus dem Berufsleben ausscheiden, sorgen Arbeits- und Fachkräfte aus dem Ausland dafür, dass Unternehmen überhaupt noch genügend Personal finden.

Der Grund dafür ist der demografische Wandel. Die Babyboomer verabschieden sich nach und nach in den Ruhestand, gleichzeitig rücken deutlich weniger junge Menschen nach. Das verändert den Arbeitsmarkt nachhaltig. Innerhalb von zehn Jahren ist die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter mit deutscher Staatsangehörigkeit um rund 3,9 Millionen gesunken. Gleichzeitig wuchs die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter mit ausländischer Staatsangehörigkeit um etwa 3,4 Millionen. Ohne Zuwanderung wäre das Arbeitskräftepotenzial in Deutschland bereits heute deutlich kleiner.

Besonders sichtbar wird dieser Trend bei der Beschäftigung. Zwischen 2014 und Mitte 2025 entfielen 43 Prozent des Beschäftigungswachstums auf Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer aus Drittstaaten. Weitere 26 Prozent kamen aus den Mitgliedstaaten des Europäischen Wirtschaftsraums und der Schweiz. Deutsche Beschäftigte trugen nur noch rund ein Drittel zum Beschäftigungsaufbau bei.

Seit dem vergangenen Jahr hat sich die Entwicklung weiter zugespitzt: Neue Jobs entstehen praktisch nur noch durch ausländische Beschäftigte. Die Zahl der deutschen Erwerbstätigen stagniert oder geht aufgrund der Altersstruktur sogar zurück.

Nach Einschätzung der Bundesagentur für Arbeit zeigt sich darin vor allem eines: Deutschland ist zunehmend auf Erwerbsmigration angewiesen. „Die Demografie verändert den Arbeitsmarkt. Die Zahl der deutschen und EU-Beschäftigten sinkt bereits. Vor allem Beschäftigte aus Drittstaaten stabilisieren den Arbeitskräftebedarf der Unternehmen“, betont BA-Vorständin Vanessa Ahuja.

Eine wichtige Rolle spielen dabei auch Geflüchtete. Ihre Integration in den Arbeitsmarkt schreitet spürbar voran. Die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten aus den wichtigsten Herkunftsländern von Geflüchteten hat sich innerhalb der vergangenen fünf Jahre mehr als verdoppelt. Für die Bundesagentur ist das nicht nur ein Erfolg der Integrationspolitik, sondern auch ein wichtiger Beitrag zur Sicherung von Fachkräften und zum gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Gleichzeitig steigt die Erwerbsbeteiligung insgesamt. Sowohl Deutsche als auch ausländische Staatsangehörige arbeiten heute häufiger als noch vor einigen Jahren. Allerdings konzentrieren sich die Beschäftigungszuwächse bei deutschen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern zunehmend auf ältere Jahrgänge. Die jüngeren Generationen werden dagegen immer stärker durch Zuwanderung geprägt.

Auch in den Unternehmen macht sich diese Entwicklung bemerkbar. Während deutsche Beschäftigte vor allem in hochqualifizierten Berufen zulegen, schließen ausländische Fach- und Arbeitskräfte zunehmend Lücken bei Fachkräften und Helfertätigkeiten. In sogenannten Engpassberufen hat sich ihr Anteil seit 2014 sogar von sieben auf rund 14 Prozent verdoppelt.

Regional zeigen sich deutliche Unterschiede. In Westdeutschland tragen deutsche und ausländische Beschäftigte gemeinsam zum Beschäftigungsaufbau bei. In vielen ostdeutschen Regionen dagegen wären steigende Beschäftigungszahlen ohne internationale Arbeitskräfte kaum noch möglich. Dort federt Zuwanderung die Folgen des demografischen Wandels besonders stark ab.

Zwar hat die schwache Konjunktur das Beschäftigungswachstum zuletzt gebremst, insbesondere in der Industrie. An der grundsätzlichen Entwicklung ändert das jedoch wenig. Der demografische Wandel bleibt die zentrale Herausforderung des deutschen Arbeitsmarktes – und Zuwanderung entwickelt sich immer mehr zu einem entscheidenden Faktor für Wachstum, Wohlstand und die Sicherung von Fachkräften.

Was bedeutet KI eigentlich für meine eigene Zukunft im Beruf?

Diese Frage beschäftigt derzeit viele Menschen. Vielleicht sogar mehr als jede andere Frage rund um Künstliche Intelligenz.

Vor einigen Tagen laß ich einen Kommentar meines Bildungs- Kollegen Josef Buschbacher aus einem Workshop zum Thema KI und Zukunft der Arbeit. Es wurde diskutiert, analysiert, prognostiziert. Wie werden sich Berufe verändern? Welche Branchen werden besonders betroffen sein? Welche Fähigkeiten werden künftig gefragt sein?

Doch manchmal bleibt am Ende eines Tages nicht die große Theorie hängen, sondern ein einziger Gedanke.

Ein Gedanke, der alles auf den Punkt bringt.

Als die Diskussion vielleicht wieder einmal in Richtung „Welche Jobs wird KI ersetzen?“ ging, stellte Josef eine Gegenfrage:

„Was bedeutet das eigentlich für meine eigene Beschäftigungsfähigkeit?“

Seine Antwort darauf war bemerkenswert klar.

Er sagte sinngemäß:

Wir sollten weniger über Jobs sprechen und viel mehr über Tätigkeiten.

Denn ein kompletter Beruf verschwindet selten über Nacht. Was sich verändert, sind die einzelnen Aufgaben, aus denen ein Beruf besteht.

Dieser Perspektivwechsel hat bei mir etwas ausgelöst.

Statt über abstrakte Zukunftsszenarien nachzudenken, richtet sich der Blick plötzlich auf den eigenen Arbeitsalltag.

Josef schlug eine einfache Übung vor:

Schreibe die 20 wichtigsten Tätigkeiten deiner Rolle auf und ordne sie drei Kategorien zu.

Automatisierbar.
Alles, was wiederholbar, regelbasiert, digital und mit überschaubarem Risiko verbunden ist.

Augmentierbar.
Aufgaben, bei denen KI unterstützen, vorbereiten, analysieren oder beschleunigen kann – während der Mensch weiterhin prüft, entscheidet und Verantwortung trägt. (PS: „augmentierbar“ bedeutet bezogen auf KI: Ein System ist augmentierbar, wenn seine Fähigkeiten durch zusätzliche Daten, Werkzeuge oder Module erweitert werden können.)

Menschlich differenzierend.
Beziehungsgestaltung. Vertrauen. Kreativität. Strategie. Konfliktlösung. Empathie. Kontextverständnis. Genau die Dinge also, die Menschen nicht nur erledigen, sondern verkörpern.

Je länger ich darüber nachgedacht habe, desto mehr erkannte ich, wie treffend dieser Ansatz ist.

In meinem eigenen Arbeitsumfeld sehe ich bereits heute, wie KI viele Aufgaben schneller und effizienter macht. Recherchen dauern deutlich kürzer (auch wenn man alle Aussagen überprüfen sollte). Texte entstehen schneller. Analysen werden unterstützt. Prozesse werden vereinfacht.

Und trotzdem wird gleichzeitig etwas anderes immer wichtiger:

Menschen, die Orientierung geben.

Menschen, die Verantwortung übernehmen.

Menschen, die unterschiedliche Perspektiven zusammenbringen.

Menschen, die Vertrauen schaffen.

Vielleicht ist das die eigentliche Botschaft hinter der KI-Debatte.

Nicht die Frage, welche Arbeit verschwindet.

Sondern die Frage, welche Arbeit an Bedeutung gewinnt.

Deshalb nehme ich aus diesem Workshop vor allem drei Gedanken mit:

➡️ Was automatisierbar ist, sollten wir verstehen und – wenn möglich – selbst automatisieren lernen.

➡️ Was augmentierbar ist, sollten wir mithilfe von KI besser, schneller und wirkungsvoller machen.

➡️ Was uns als Menschen einzigartig macht, sollten wir bewusst stärken und weiterentwickeln.

Die entscheidende Frage lautet daher aus meiner Sicht nicht:

„Ist mein Job sicher?“

Sondern:

„Welche Teile meiner Arbeit übernimmt die Technologie – und welche machen mich als Menschen künftig noch wertvoller?“

Diese Perspektive verändert alles.

Sie nimmt der Diskussion die Angst und gibt ihr eine Richtung.

Vielen Dank an Josef Buschbacher für diesen starken Denkanstoß. Er erinnert uns daran, dass Zukunft nicht einfach geschieht. Zukunft wird von Menschen gestaltet, die bereit sind zu lernen, Verantwortung zu übernehmen und Veränderung aktiv mitzugestalten.

Wie würdet ihr eure eigenen Aufgaben einordnen? Was ist bei euch automatisierbar, was augmentierbar – und was bleibt zutiefst menschlich?

Deutschland steht vor einem stillen Alarmzustand! Die neue Trendstudie „Jugend in Deutschland 2026“ zeigt: Immer mehr junge Menschen fühlen sich überfordert, ausgebrannt und ohne echte Perspektive. Krieg, Inflation, Wohnungsnot, steigende Schulden und Zukunftsängste setzen der jungen Generation massiv zu.

Besonders dramatisch: Fast jede dritte junge Person gibt an, psychologische Unterstützung zu benötigen. Bei jungen Frauen liegt der Wert sogar bei 34 Prozent. Gleichzeitig verbringen viele Jugendliche so viel Zeit am Smartphone, dass Experten bereits von suchtähnlichem Verhalten sprechen.

Trotz allem bleibt die Leistungsbereitschaft hoch. Junge Menschen wollen arbeiten, Verantwortung übernehmen und sich etwas aufbauen. Doch immer mehr fragen sich: Lohnt sich Leistung in Deutschland überhaupt noch?

Vor allem die Angst vor wirtschaftlicher Unsicherheit wächst. Viele junge Menschen setzen deshalb inzwischen lieber auf eine berufliche Ausbildung statt auf ein Studium. Praxisnahe Berufe und sichere Perspektiven gewinnen an Bedeutung.

Doch die Sorgen bleiben: Hohe Mieten, fehlender Wohnraum und finanzielle Belastungen treiben viele an ihre Grenzen. Jeder fünfte junge Mensch plant sogar konkret, Deutschland zu verlassen. Insgesamt können sich 41 Prozent vorstellen, im Ausland ein besseres Leben zu suchen.

Auch politisch wird die Lage brisanter. Die Studie zeigt eine zunehmende Spaltung zwischen jungen Frauen und jungen Männern. Während sich viele junge Frauen stärker linken Parteien zuwenden, gewinnt die AfD besonders bei jungen Männern an Zustimmung. Die politische Polarisierung unter jungen Menschen nimmt deutlich zu.

Die Botschaft der Studie ist klar: Die junge Generation fühlt sich mit ihren Sorgen und Zukunftsfragen zu oft allein gelassen. Gleichzeitig wächst der Wunsch nach echter Beteiligung, mehr Vertrauen und klaren Zukunftsperspektiven.

Wir sprechen darüber – im Ausbilderkreis

Diese Entwicklungen betreffen nicht nur Politik und Gesellschaft, sondern auch Unternehmen, Ausbilderinnen und Ausbilder sowie die gesamte Arbeitswelt. Deshalb werden wir dieses wichtige Thema in unserem Netzwerk im „Ausbilderkreis“ aufgreifen und dazu einen Online-Talk organisieren.

Gemeinsam wollen wir darüber sprechen:

  • Wie tickt die junge Generation wirklich?
  • Was erwarten junge Menschen heute von Ausbildung und Arbeit?
  • Wie können Unternehmen Sicherheit, Orientierung und Perspektiven bieten?
  • Und was bedeutet die Entwicklung für die Zukunft des Arbeitsmarktes?

Weitere Informationen und Termine zum Online-Talk folgen in Kürze unter www.derausbilderkreis.info

Die Trendstudie wird vom Datajockey Verlag (Kempten) unter der Leitung des Jugendforschers Simon Schnetzer herausgegeben und fachlich von Dr. Kilian Hampel, Prof. Dr. Nina Kolleck und Prof. Dr. Klaus Hurrelmann begleitet. Der Verlag finanziert die Durchführung der Studie durch den Studienverkauf. Link zur Studie: bitte hier klicken!

Früher hieß es: Kinder kommen, wenn die Umstände stimmen. Heute scheint es eher zu heißen: Kinder kommen, wenn das WLAN stabil ist. Eine neue Studie des IFO-Institut legt nahe, dass schon ein einziger Homeoffice-Tag pro Woche die Geburtenrate messbar anhebt. Vierzehn Prozent mehr Nachwuchs – das ist keine Kleinigkeit, sondern fast schon eine stille demografische Revolution zwischen Laptopständer und Espressomaschine.

Man könnte versucht sein, daraus eine einfache Gleichung zu basteln: weniger Pendeln = mehr Zeit = mehr Kinder. Doch so schlicht ist es natürlich nicht. Homeoffice ist ja nicht nur gewonnene Zeit, sondern auch gewonnene Nähe. Wer sich nicht mehr morgens im Türrahmen mit einem „Bis später“ verabschiedet, sondern sich mittags beim Aufwärmen der Reste wieder begegnet, lebt anders. Vielleicht auch verbindlicher. Vielleicht auch spontaner. Und offenbar: fruchtbarer.

Besonders spannend ist der Befund, dass der Effekt am größten ist, wenn beide Partner im Homeoffice arbeiten. Man könnte  sagen: Wenn sich zwei Menschen dauerhaft in Jogginghosen begegnen, entsteht entweder ein Konflikt – oder ein Kind. Offenbar entscheidet sich ein nicht unerheblicher Teil für Letzteres.

Für die Bildungsdebatte ist das mehr als eine Kuriosität. Denn es zeigt, wie sehr Lebensmodelle von Arbeitsstrukturen abhängen. Familienplanung war lange etwas, das „nebenbei“ organisiert werden musste – zwischen Karriere, Kita-Plätzen und Feierabendverkehr. Homeoffice verschiebt diese Logik. Es macht Vereinbarkeit nicht perfekt, aber greifbarer. Und vielleicht auch ein kleines bisschen attraktiver.

Natürlich sollte man vorsichtig sein, aus Korrelation gleich Kausalität zu machen. Nicht jedes zusätzliche Kind ist das direkte Produkt eines gut getimten Zoom-Meetings. Aber die Richtung ist bemerkenswert: Wo Arbeit flexibler wird, wird offenbar auch das Leben gestaltbarer.

Am Ende bleibt eine leise Pointe: Jahrzehntelang suchte man nach großen politischen Hebeln, um die Geburtenrate zu steigern. Dabei saß die Lösung womöglich die ganze Zeit am Küchentisch – und wartete darauf, dass jemand „Meeting verlassen“ klickt.

Hier geht es zur Studie des IFO-Instituts!

Grafik: CS

Immer wieder denken wir in unserer Stiftung darüber nach, wie leicht es sein kann, Menschen zu begeistern und zu motivieren. Wann hast du dich zuletzt wirklich gesehen gefühlt? Nicht nur gelobt, nicht nur bewertet – sondern wirklich wahrgenommen, so wie du bist?
Die Lösung: Wertschätzung! Sie ist eine Haltung. Und die Psychologie zeigt uns: Wo echte Wertschätzung gelebt wird, blühen Menschen auf – in Familien, in Teams, in Gemeinschaften. Aber was genau macht Wertschätzung aus? Forscher beschreiben fünf Dimensionen, die zusammen ein ganzes Bild ergeben.
1. Anerkennung – das Sichtbarmachen
Die erste Säule ist die einfachste und doch die häufig vergessene: jemandem sagen, dass du siehst, was er tut. Nicht als Leistungsbewertung, sondern als aufmerksamer Blick. „Ich habe bemerkt, wie viel Mühe du dir gegeben hast.” Das reicht oft schon.
2. Zugehörigkeit – das Gefühl, dazuzugehören
Menschen brauchen das Erleben: Ich bin Teil von etwas. Ich werde vermisst, wenn ich fehle. Wertschätzung zeigt sich deshalb auch darin, jemanden einzubeziehen, nachzufragen, Raum zu lassen.
3. Autonomie – Vertrauen schenken
Wer wertgeschätzt wird, darf auch selbst entscheiden. Diese Säule sagt: Ich traue dir zu, dass du es weißt und kannst. Kontrolle und Wertschätzung schließen sich oft aus – Vertrauen hingegen stärkt.
4. Sinn – das Wozu benennen
Menschen blühen auf, wenn sie verstehen, warum ihre Arbeit, ihr Beitrag, ihr Dasein wichtig ist. Wertschätzung bedeutet deshalb auch: den größeren Zusammenhang sichtbar machen. „Was du tust, macht einen Unterschied – und zwar hier.”
5. Wachstum – Entwicklung ermöglichen
Die fünfte Säule ist vielleicht die tiefste: Wer einen Menschen wirklich wertschätzt, möchte, dass er wächst. Das bedeutet ehrliches Feedback, Förderung, und manchmal auch das Loslassen in neue Aufgaben.
Was mich an diesen fünf Säulen berührt: Sie erfordern keine großen Gesten. Sie brauchen Aufmerksamkeit. Einen Moment des echten Hinschauens. Eine ehrliche Frage. Ein Wort zur richtigen Zeit.
Vielleicht lohnt es sich heute, inne zu halten und zu fragen: Wem gegenüber lebe ich Wertschätzung – und in welcher Dimension könnte ich noch aufmerksamer werden?
Denn Menschen blühen nicht durch Druck auf. Sie blühen, wenn sie gesehen werden.
Wie erlebst du Wertschätzung – gibst du sie lieber oder empfängst du sie lieber?

Deutschland versteht sich als Industrienation, als Exportweltmeister, als Hightech-Standort. Doch ausgerechnet bei der systematischen technischen Bildung in den Schulen leistet sich das Land eklatante Defizite. Für das Gelingen des Geschäftsmodells der deutschen Wirtschaft ist die Verfügbarkeit gut ausgebildeter Fachkräfte im technischen Bereich von zentraler Bedeutung – und dennoch fehlt ein flächendeckendes Pflichtfach Technik an weiterführenden Schulen. Die entscheidende Frage lautet nicht mehr, ob wir Technikunterricht verpflichtend einführen sollten – sondern warum wir es uns immer noch leisten, darauf zu verzichten.

Fachkräftemangel mit Ansage

Wie Wido Geis-Thöne, Senior Economist für Familienpolitik und Migrationsfragen beim Institut der Deutschen Wirtschaft, betont, entscheiden sich seit Jahren immer weniger junge Menschen in Deutschland für ein ingenieurwissenschaftliches Studium. Gleichzeitig gehen die geburtenstarken Jahrgänge der Babyboomer in Rente. Der ohnehin bestehende Fachkräfteengpass im technischen Bereich wird sich dadurch weiter verschärfen.

Diese Entwicklung kommt nicht überraschend – sie ist das Ergebnis struktureller Versäumnisse. Wer technische Kompetenzen erst im Studium „entdecken“ soll, kommt oft zu spät mit ihnen in Berührung. Interessen entstehen früh – oder gar nicht.

Technikmündigkeit: Mehr als nur Fachkräftesicherung

Es geht jedoch nicht nur um ökonomische Interessen. Für die gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands ist es entscheidend, dass Kinder und Jugendliche zu technikmündigen Bürgerinnen und Bürgern heranwachsen.

Technikmündigkeit bedeutet:

  • technische Systeme im Alltag verstehen,

  • Chancen und Risiken von Innovationen realistisch einschätzen,

  • keine diffusen Ängste gegenüber neuen Technologien entwickeln,

  • aktiv an einer digitalisierten und technologisierten Gesellschaft teilhaben.

Diese Kompetenzen entstehen nicht automatisch durch Mediennutzung oder beiläufige Digitalisierung. Sie benötigen strukturierte, systematische Bildung.

Physik ist nicht Technik

Oft wird argumentiert, andere MINT-Fächer – insbesondere Physik – könnten technische Bildung mit abdecken. Das ist jedoch nur teilweise zutreffend.

Physik vermittelt naturwissenschaftliche Grundlagen. Technikunterricht hingegen verbindet:

  • naturwissenschaftliche Prinzipien,

  • konstruktives Denken,

  • Problemlösekompetenz,

  • praktische Umsetzung,

  • gesellschaftliche Reflexion technologischer Entwicklungen.

Technik ist anwendungsorientiert, interdisziplinär und lebensnah. Genau diese Perspektive fehlt vielerorts im Fächerkanon.

Ein Flickenteppich in Deutschland

Ein Blick auf die Bundesländer offenbart ein ernüchterndes Bild:

Gymnasien

Verpflichtender Technikunterricht existiert nur in sieben Bundesländern – meist mit sehr geringem Umfang.

  • Spitzenreiter sind Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern mit jeweils nur 2,0 Wochenstunden während der gesamten Schullaufbahn.

  • Bezieht man Wahlpflichtangebote ein, bleibt Brandenburg mit 2,3 Stunden vorn.

  • Werden Physik und Informatik anteilig berücksichtigt, liegt Mecklenburg-Vorpommern mit 5,0 Stunden an der Spitze.

  • Schlusslicht ist Hessen mit lediglich 1,3 Stunden.

Nichtgymnasialer Bereich

Hier ist die Lage etwas besser, aber keineswegs zufriedenstellend:

  • Thüringen erreicht im Pflichtbereich durchschnittlich 4,6 Stunden – unter Einbeziehung des Wahlpflichtbereichs sogar 5,2 Stunden.

  • Sachsen folgt mit 3,3 Stunden.

  • Bremen (1,0 Stunden) und Saarland (1,1 Stunden) bilden das untere Ende.

  • Besonders kritisch: In Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz ist an keiner allgemeinbildenden Schulform verpflichtender Technikunterricht vorgesehen.

Für eine Technologie- und Industrienation ist das ein Armutszeugnis.

Was jetzt passieren muss

Ein bloßes „Weiter so“ verschärft die Probleme. Notwendig ist:

1. Einführung eines bundesweiten Pflichtfachs Technik

  • mindestens drei bis vier Wochenstunden,

  • durchgehend vom Übergang in die weiterführende Schule bis zum Ende der Sekundarstufe I.

2. Stufenweiser Ausbau an Gymnasien

Kurzfristig wird eine vollständige Umsetzung kaum möglich sein. Daher:

  • Ausbau von Wahl- und Wahlpflichtangeboten,

  • sukzessive Ausweitung auf immer mehr Schulen,

  • schrittweise Überführung in ein Pflichtfach.

3. Integration technischer Inhalte in bestehende Fächer

Naturwissenschaftliche Fächer können stärker technikorientiert erweitert werden – jedoch nur mit:

  • gezielter Fortbildung der Lehrkräfte,

  • klarer curricularer Verankerung,

  • didaktisch fundierten Konzepten.

4. Qualität vor Quantität

Mehr Stunden allein reichen nicht. Entscheidend ist:

  • praxisorientierter Unterricht,

  • moderne Ausstattung,

  • qualifizierte Lehrkräfte,

  • verbindliche Qualitätsstandards.

Technische Bildung darf kein „Bastelunterricht“ sein, sondern muss systematisch Kompetenzen aufbauen.

Zusammenfassung: Zukunftsfähigkeit braucht Technikunterricht

Deutschland diskutiert über Digitalisierung, Energiewende, Künstliche Intelligenz und industrielle Transformation – doch in den Klassenzimmern fehlt oft die strukturelle Grundlage, um junge Menschen auf diese Herausforderungen vorzubereiten.

Wer den Fachkräftemangel ernst nimmt, wer gesellschaftliche Technikkompetenz stärken will und wer Innovationsfähigkeit sichern möchte, kommt an einem verbindlichen, qualitativ hochwertigen Pflichtfach Technik nicht vorbei.

Die Bundesbildungsministerin Karin Prien ruft Babyboomer dazu auf, sich als ehrenamtliche Mentoren in Schulen zu engagieren. Die Rechnung klingt verlockend: Auf jedes sechsjährige Kind kommen in Deutschland nahezu zwei 60-Jährige. Ein riesiges Potenzial an Zeit, Lebenserfahrung und Engagement, das dem überlasteten Bildungssystem helfen könnte. Doch bei genauerem Hinsehen zeigt sich: Was im Grundsatz eine gute Idee ist, scheitert in der Praxis an einer viel zu komplizierten Umsetzung, meint unser Kommentator Christoph Sochart.
Das Problem liegt im Detail
Das Startchancen-Programm der Bundesregierung fordert explizit die Einbindung ehrenamtlicher Lernpartner. Schulen können Fördermittel für Freiwillige beantragen. Soweit die Theorie. In der Realität werden sie dann mit dieser Aufgabe weitgehend alleingelassen. Es fehlt an Richtlinien, an dauerhafter Unterstützung und vor allem an hauptamtlichen Fachkräften, die die Ehrenamtskoordination übernehmen könnten.
Die Konsequenz: Schulen, die ohnehin am Limit arbeiten, sollen nun auch noch Freiwilligenarbeit organisieren. Lehrkräfte, denen bereits jetzt die Zeit für ihre Kernaufgaben fehlt, sollen Ehrenamtliche auswählen, einarbeiten und begleiten. Das ist realitätsfern.
Die pädagogische Herausforderung
Ein weiteres grundlegendes Problem wird in der Diskussion häufig übersehen: Vielen engagierten Seniorinnen und Senioren fehlt schlichtweg die pädagogische Erfahrung. Der gute Wille allein reicht nicht aus, um Kindern mit Lernschwierigkeiten, aus bildungsfernen Haushalten oder mit Migrationshintergrund wirksam zu helfen.
Wer soll diese Menschen schulen? Wer überprüft ihre Eignung vor dem Einsatz? Und wer begleitet sie kontinuierlich, wenn Konflikte mit Lehrkräften oder Schülern entstehen? Diese Fragen bleiben unbeantwortet. Ein erweitertes Führungszeugnis allein macht noch keinen guten Mentor.
Die fachliche Vorbereitung ist komplex: Wie gehe ich mit Kindern unterschiedlicher Herkunft um? Wie kommuniziere ich mit Lehrkräften auf Augenhöhe? Wo bekomme ich Arbeitsmaterialien? Was tue ich in Konfliktsituationen? All das erfordert professionelle Schulung und kontinuierliche Begleitung.
Es gibt bessere Lösungen
Statt das Rad neu zu erfinden, sollte die Politik auf bestehende Strukturen setzen. In Deutschland gibt es bereits etablierte Vereine und Organisationen mit genau diesem Vereinsziel. Programme wie “Mentor – Die Leselernhelfer” oder “Zukunftspartner – Die Starthilfe für dich” in Düsseldorf zeigen, wie Mentoring funktionieren kann. Sie verfügen über:
– Erfahrung in der Auswahl geeigneter Ehrenamtlicher
– Bewährte Konzepte
– Strukturen zur kontinuierlichen Begleitung
– Methoden zur Qualitätssicherung
– Netzwerke und Know-how
Eine Studie des Institute of Labor Economics in Bonn belegt laut der Zeitung „Die Zeit“ die Wirksamkeit solcher strukturierten Programme: Nach einem Jahr wöchentlicher Begleitung durch einen ehrenamtlichen Mentor schrumpfte der Bildungsabstand zwischen Kindern aus Familien mit niedrigem sozioökonomischen Status und besser gestellten Familien um die Hälfte.
Der richtige Weg: Kooperation statt Alleingang
Statt Schulen mit einer weiteren Aufgabe zu überlasten, sollte die Bundesregierung:
+ Lokale Vereine und Organisationen aktiv einbinden
Diese verfügen bereits über die notwendige Infrastruktur, das pädagogische Know-how und die Erfahrung in der Freiwilligenkoordination.
+ Bestehende Strukturen finanziell unterstützen
Vereine brauchen verlässliche Ressourcen für Schulungen, Administration und Koordination. Finanzielle Mittel sollten nicht primär an Schulen fließen, sondern an die Organisationen, die das Ehrenamt professionell begleiten können.
+ Standardisierte Prozesse schaffen
Klare Zuständigkeiten in Schulämtern, vereinfachte Antragsverfahren und digitale Koordinationsplattformen würden die Zusammenarbeit zwischen Schulen und Organisationen erheblich erleichtern.
+ Auf Dialog setzen
Die Einbindung von Ehrenamtlichen muss in enger Abstimmung mit Schulen, Lehrkräften und erfahrenen Organisationen erfolgen. Nur so lässt sich klären, wo tatsächlich Bedarf besteht und wie dieser sinnvoll gedeckt werden kann.
Zusammengefasst bedeutet das: Potenzial nutzen, aber richtig
Das Potenzial der Babyboomer-Generation für die Bildung der Jüngeren ist real und wertvoll. Doch der aktuelle Ansatz der Bundesregierung droht dieses Potenzial zu verspielen. Wer Ehrenamt im Bildungssystem verankern will, darf nicht einfach nur dazu aufrufen und Fördertöpfe bereitstellen. Es braucht professionelle Strukturen, qualifizierte Begleitung und die kluge Nutzung bereits vorhandener Expertise. Die Lösung liegt nicht in einer weiteren Belastung der Schulen, sondern in der Stärkung erfahrener Organisationen und der Förderung lokaler Kooperationen. Nur so wird aus einer gut gemeinten Idee auch eine wirksame Maßnahme für mehr Bildungsgerechtigkeit.