Unsere „Kluge Köpfe“ können Sie hören in unserem aktuellen Podcast zum „Dualen Orientierungsprogramm“: perfekt für Schülerinnen und Schüler, die sich für ein Studium interessieren, für Unternehmen, die z.B. Duale Studiengänge anbieten, sowie für Lehrkräfte und Eltern: https://anchor.fm/unternehmerschaft/episodes/Go-to-meeting-der-KLUGEN-KPFE-zum-Dualen-Orientierungsprogramm-efaips/a-a2eos65

Tausende Schüler lernen seit Wochen Mathe mit Herrn Schmidt, obwohl sie ihn nicht persönlich kennen. Mit und über YouTube. Schüler und Eltern sind begeistert und tatsächlich: die Videos machen wirklich Spaß und Freude. „Spaß und Freude“ in Mathe? Ja, sagt der Chronist, aber schauen Sie doch selbst! https://www.youtube.com/channel/UCy0FxMgGUlRnkxCoNZUNRQQ

Schüler lernen heute mit Youtube, das zeigt eine Studie des Rates für Kulturelle Bildung. Für den Oberschulrektor Kai Schmidt aus Niedersachsen ist das kein Problem. Schließlich ist er selbst einer der beliebtesten Mathelehrer auf der Plattform. Er ist überzeugt, dass er dadurch auch ein besserer Lehrer im Klassenzimmer geworden ist.

Lesen Sie ein exklusives SZ- Interview hier: https://www.sueddeutsche.de/bildung/lehrerschmidt-youtube-mathe-algebra-gleichungen-1.4474578

Fritz geht in die 9. Klasse einer Gesamtschule in Mönchengladbach und seit Corona war er wie alle anderen Kinder und Jugendlichen nicht mehr in der Schule. Auch nun, kurz vor den großen Sommerferien, ist er nur noch selten in der Schule. Stattdessen lernt er online: Onlinemeetings, Chats mit dem Lehrer über lo-net, Einzelarbeit, Hausaufgaben-Stellung und -Besprechung ebenfalls digital. Fritz gefällt das, zumal er neben dem Lernen zuhause auch viel Zeit seinem Hobby zu frönt und sich durch Gartenarbeit seit Taschengeld aufbessern kann.

Dieses neuartige Präsenz- und Distanzlernen ist für alle neu und die Einen kommen gut damit zu Recht und die Anderen etwas schlechter. Es gibt Lehrkräfte, die sind sehr digital-fitt und andere Lehrkräfte, die sind sehr unsicher in diesem Bereich und haben teilweise sogar Angst vor eigener Überforderung. Da sind dann auch Schulleiterinnen und Schulleiter Coach und Motivator zugleich. Aber, auch Schüler sind digital nicht weniger selten zu erreichen – aber das Thema haben wir an dieser Stelle auch schon thematisiert.

Nun gibt es aber eine interessante Schülerbefragung vom Institut der Deutschen Wirtschaft. Die Wissenschaftler befragten 2.000 Jugendliche, gefragt nach der besten Lernmethode. Die Schüler sind 17 Jahre jung und kommen überwiegend aus Gymnasien, weil sie Teilnehmer sind des Schülerfirmenprojekts „Junior“ sind. Also, in keinster Weise repräsentativ, aber dennoch „eindrücklich“ wie die Süddeutsche (SZ) schreibt.

Zu den Ergebnissen: 42% der Schüler gefällt das Lernen im Internet über Videos und Erklärclips am besten. Der Schulunterricht war nur für 27 Prozent der Jugendlichen die Lernmethode der Wahl. Podcast hören im Übrigen nur 3%. Die Untersuchung liegt der SZ vorab vor.

In welchen Fächern mit digitalen Geräten unterrichtet wird: Naturwissenschaften (47%), Fremdsprachen (43), Gesellschaftskunde (42), Mathe (35), Deutsch (34).

„Man muss natürlich berücksichtigen, dass die befragten Jugendlichen relativ alt sind, bei Grundschülern dürften die Ergebnisse sicher anders ausfallen“, sagt IW-Forscherin Ruth Schüler. „Aber für uns war es frappierend festzustellen, wie digital die Lernrealität von Schülerinnen und Schülern bereits ist und wie wenig digital im Gegensatz dazu die Schulen bisher aufgestellt waren.“ Das zeigen die Daten der jüngsten Pisa-Studie aus dem Jahr 2018, die die IW-Autorinnen parallel auswerteten. Mehr als die Hälfte der damals befragten 15-Jährigen gab an, dass bei ihnen im Unterricht keine Notebooks oder Tablets eingesetzt würden. Am häufigsten werden digitale Geräte im Klassenzimmer noch in den Naturwissenschaften oder Fremdsprachen genutzt.

Interessant auch, dass Jungs und Mädels offenbar „anders“ lernen. Die SZ schreibt dazu: Tipps von Freunden sind zwar für Jungen wie für Mädchen gleichermaßen relevant; darüber hinaus berücksichtigen Mädchen aber häufiger Empfehlungen von Lehrkräften, während Jungen sich nach den Abrufzahlen eines Videos richten – getreu dem Motto: Was viel geklickt wurde, wird schon was taugen.

Mehr Ergebnisse gibts hier https://www.sueddeutsche.de/bildung/schule-youtube-lernvideos-1.4937698

Nach dem vergangenen BLOG-Beitrag zum Thema „Digitales Lernen“ strömte es plötzlich in vielen anderen Medien. Auch Axel Plünnecke vom IW Köln hat sich jetzt gemeldet mit einem sehr spannenden Beitrag. Er schreibt: Das Statistische Bundesamt hat neue Zahlen veröffentlicht, die alte Probleme aufzeigen: Noch immer ist digitales Lernen an den Schulen in Deutschland die Ausnahme. Weitere Studien machen deutlich: Es fehlt an Kompetenzen der Lehrkräfte, oft gibt es nicht einmal WLAN für Schüler und Lehrer. Das Bildungssystem muss bei der Digitalisierung endlich seine Hausaufgaben machen.

Digitales Lernen ist nach der schrittweisen Wiedereröffnung der Schulen wichtiger denn je, um Bildung zu ermöglichen und der Gefahr einer zunehmenden Chancengleichheit an Schulen entgegenzuwirken. 

Die Defizite im deutschen Bildungssystem sind allerdings nicht erst seit den heute veröffentlichten Zahlen bekannt. Auch die internationalen Vergleichsstudie „International Computer and Information Literacy Study“ (ICILS-2018) hat sich den Problemen gewidmet: Demnach landen deutsche Schüler bei den computer- und informationsbezogenen Kompetenzen nur im Mittelfeld und weit hinter dem Spitzenreiter Dänemark. Nur rund 23 Prozent der Lehrer, die Achtklässler unterrichten, setzen laut ICILS-2018 täglich digitale Medien im Unterricht ein. Deutschland liegt damit deutlich unter dem internationalen Mittelwert von rund 48 Prozent.

Nur etwa 26 Prozent der Schülerinnen und Schüler in der achten Klasse besuchen eine Schule, in der sowohl für die Lehrkräfte als auch für die Schülerinnen und Schüler ein WLAN-Zugang verfügbar ist – der schlechteste Wert unter den teilnehmenden Ländern. Zum Vergleich: Der EU-Schnitt liegt bei rund 68 Prozent, Dänemark erreicht sogar eine Quote von 100 Prozent.

Nur selten digitale Geräte im Unterricht

Auch in der PISA-Erhebung aus dem Jahr 2018 wurden die Schülerinnen und Schüler gefragt, wie häufig digitale Geräte in verschiedenen Unterrichtsstunden eingesetzt werden. Demnach gaben rund 65 Prozent der Schülerinnen und Schüler in Deutschland an, dass sowohl in Deutsch als auch in Mathematik in einer typischen Schulwoche keine digitalen Geräte zum Einsatz kommen. In den Naturwissenschaften werden sie etwas häufiger eingesetzt. In Dänemark ergibt sich ein vollkommen anderes Bild – der Einsatz digitaler Geräte war dort bereits vor der Coronakrise Standard.  

Die aktuellen Studien zeigen auch, dass nur ein geringer Teil der Lehrkräfte an digitalisierungsbezogenen Fortbildungen teilnimmt und nur sehr wenige Lehrer Unterrichtshospitationen zum Einsatz digitaler Medien machen. Das Deutsche Schulportal hat im April dieses Jahres Lehrer befragt – das Ergebnis: Esfehlt den Lehrern an Kompetenzen im Umgang mit digitalen Lernformaten, aber auch an technischer Ausstattung.

Mehr Fort- und Weiterbildungen für Lehrer

Um die Digitalisierung an den Schulen voranzubringen, sollten Lehrer bei der Entwicklung von digitalen Lehr- und Lernkonzepten unterstützt werden. Digitales Lernen ist in der Ausbildung zu verankern. Fort- und Weiterbildungen sind deutlich auszuweiten. Die Ausstattung der Schulen mit digitalen Medien ist weiter zu verbessern: In allen Schulen sollten WLAN und digitale Endgeräte für Lehrkräfte und Schüler verfügbar sein. Außerdem fehlt zusätzliches IT-Personal für die IT-Administration – und schnelles Internet zuhause. Der Staat sollte hierzu zusätzliche Mittel über den Digitalpakt hinaus zur Verfügung stellen.

Quelle: IW Köln

„Dass Schüler und Lehrer sich gegenwärtig nur dann digital vernetzen können, wenn sich ein Förderverein, ein Landrat oder eine Schulsenatorin für eine zeitgemäße IT-Infrastruktur eingesetzt haben, wirft dunkle Schatten auf die „Bildungsrepublik Deutschland“. Die Lehrkräfte müssen die Lernplattformen aus den Nullerjahren ebenso als Ausdruck fehlender Wertschätzung begreifen wie die Generation der „Digital Natives“. Insofern ist es erfreulich, dass die Zeiten des „Corona-Lernens“ das E-Learning insgesamt beschleunigen.“, schrieb unlängst Tim Engartner, Professor für Didaktik der Sozialwissenschaften an der Uni Frankfurt und dort Direktor der Akademie für Bildungsforschung und Lehrerbildung, in. der Frankfurter Rundschau (FR).

Diese Meinung ist aber nur die EINE Wahrheit. Es stimmt, das Corona auf die Mängel im Schulsystem aufmerksam gemacht hat. Es stimmt aber auch, dass das E-Learning durch die Corona-Krise beschleunigt. wird Alte Modelle wie Moodle werden neugelebt, andere Plattformen wie Iserv und lo-net werden aktiviert. Und: Es gibt Lehrkräfte, die probieren sich aus, entwickeln und nutzen neue Online-Lernmethoden (z.B. Padlet) und treffen sich mit den Kids auf zoom. Und es gibt Lehrkräfte, die sich echt schwer tun mit dem digitalen Lernen. Aber, woher sollen sie es auch sollen? Gefördert wurde dieses neue Denken vor Corona nicht.

Erst seit Corona gibt es dieses digitale Lernen und die Zeiten von Präsenz- und Distanzlernen wird es noch lange geben. Was also tun? Erst einmal müssen die versprochenen 5,5 Milliarden vom Digitalpakt in den einzelnen Schulen ankommen. Viele Schulleiter*innen belächeln solche Meldungen über einen möglichen Geldsegen. Auf der anderen Seite werden aber andere Probleme dadurch nicht gelöst: es fehlt Personal und es fehlt Geld für Infrastruktur. „2025 werden allein an Grundschulen hierzulande mindestens 15 000 Lehrkräfte fehlen. Und schon jetzt sind die Betreuungsschlüssel an allen Schulformen ausbaufähig – erst recht, wenn man sich an erfolgreichen Bildungsnationen wie Finnland oder Schweden orientiert. Während die Stadtstaaten Berlin und Hamburg im Schnitt jeweils 10.000 Euro pro Schüler ausgeben, sind es in NRW nur 6800 Euro.“, heißt es in der FR.

Mir stellt sich aber auch eine ganz andere Frage: Wie digital muss Schule eigentlich sein? Wir haben unsere Berufliche Orientierung schnell und effektiv auf Distanzlernen umgestellt, so dass wir beide Bereiche gut beherrschen, also Distanzlernen und Präsenzphasen in den Schulen und an externen Lernorten. Dabei merken wir in der Zusammenarbeit mit den Schulen, dass viele Schüler*innen kaum erreichbar sind durch digitale Lernangebote. Eine Lehrerin eines Gymnasiums nahe Mönchengladbach berichtete mir, wenn sie ein zoom-Meeting anbieten würde, wären von 30 Schüler*innen knapp 10 dabei. Und in den Schulen, in denen es viele „Hartz 4- Kinder“ gibt, sieht die Quote noch schlechter aus: viele Haushalte haben keinen Computer und das Jobcenter finanziert auch keinen PC zuhause für die Kids. Hier müsste also (theoretisch) die Schule dafür Sorgen, dass diese Kids entsprechend versorgt sind. Auch dies belächeln die Schulleiter*innen. Aber, vielleicht kommen die 5,5 Milliarden ja doch noch an?!

Klar wird uns aber auch, dass Präsenzlernen oftmals effektiver ist. Dies berichten uns die Lehrer*innen. Und wir spüren dies auch bei unseren Angeboten der Beruflichen Orientierung. Eine Lerngruppe zieht alle Teilnehmer*innen indirekt und direkt mit und „durch“. Zuhause alleine zu lernen oder sich mit der Arbeits- und Berufswelt zu beschäftigen erfordert sehr viel Selbstmotivation und Selbstmanagement. Ganz zu schweigen vom „lernen zu lernen“ – das haben viele Schüler*innen bis heute nicht gelernt.

Tim Engartner schließt mit den Worten: „Zugleich sollte die Tatsache, dass vielen Schülerinnen und Schülern durch das derzeitige Homeschooling der Zugang zu einer warmen Mahlzeit, zu einem gewaltfreien Lernumfeld sowie zu vertrauten Kontaktpersonen genommen wurde, Anlass sein, unser Schulsystem bildungs-, sozial- und steuerpolitisch zu reformieren.“

Es gibt also viel zu tun ….

Die Probleme und Defizite von Schulkindern werden Tag für Tag größer. Richtiger Unterricht findet nicht statt und viele Kinder können nicht ausreichend Unterstützung von ihren Eltern bekommen. Die Folge: gravierende Auswirkungen auf die Bildungsgerechtigkeit. Umso wichtiger ist jetzt die Schulöffnung – vorausgesetzt, sie ist gut vorbereitet., sagt AXEL PLÜNNECKE vom Institut der Deutschen Wirtschaft (IW).

In Puncto Bildung geht es in Deutschland ungerecht zu: Wie gut oder schlecht ein Kind in der Schule ist, hängt noch immer zu sehr vom Bildungsgrad der Eltern ab. IW-Berechnungen mit PISA-Daten zeigen, dass höher gebildete Eltern ihre Kinder öfter bei Schulaufgaben unterstützen als weniger gebildete Eltern. Die Corona-Krise verschärft dieses Problem seit Wochen und wird es, Stand jetzt, auch weiterhin noch einige Zeit tun. 

Die viel beschworene Alternative, den Schulsoff über digitale Lerntools, Erklärvideos und Co. zu erlernen, schafft eine weitere Quelle der Ungerechtigkeit. Nicht in jedem Haushalt gibt es die nötigen Endgeräte wie Computer oder Tablets und auch die digitalen Kompetenzen unterscheiden sich je nach sozioökonomischem Hintergrund stark. Schnell sind viele Kinder, Jugendliche oder Eltern überfordert. Genau wie das Schulsystem: Bisher fehlt es an flächendeckenden digitalen Unterrichtskonzepten.

Eine gut vorbereitete, schrittweise Schulöffnung ist daher umso wichtiger. Zunächst muss für ausreichend Hygiene gesorgt werden, um die Verbreitung des Virus zu stoppen. Besonders auf Vorerkrankte und Ältere ab 60 muss geachtet werden: Mehr als 100.000 Lehrkräfte gehören zur Risikogruppe. Sie müssen sich besonders schützen und sollten keine Präsenzpflicht haben. Vielmehr könnten diese Lehrer den digitalen Unterricht weiter vorantreiben, Lehrmaterialien erstellen oder einzelnen Schülern individuelle Fernbetreuung anbieten. Denn auch viele Kinder werden aufgrund vorerkrankter Eltern nicht zur Schule gehen können. „Jetzt ist der Bund gefragt“, sagt IW-Bildungsexperte Axel Plünnecke. „Was die Schulen und Kinder brauchen ist ein großes Hilfspaket.“ Ein erster Schritt sei etwa die Bereitstellung von Leihgeräten für den digitalen Unterricht. 

Quelle: www.iwkoeln.de


Lieben Sie in Corona-Zeiten auch die Telefon- und Videokonferenzen?? Vor allem, wenn der Vorsitzende der Konferenz, der Chef zum Beispiel, darum bittet, die Kamera einzuschalten? Ich frage mich dann immer nach dem Warum, aber nur leise für mich. Ob man sehen will, ob der Gegenüber rasiert ist? Oder noch den Schlafanzug trägt? „Durch die Übertragung des Bildes entsteht etwas mehr „Nähe“ und das kommt bei vielen meiner Kollegen, Gesprächspartnern und Teilnehmenden sehr gut an.“, schreibt Unternehmerschaftstrainer Josef Buschbacher aus der Nähe von München. In seinem BLOG gibt er Tipps, wie man seine Wirkung in solchen Meetings verbessern kann – und das beginnt meistens mit dem Blick in die Kamera.

Auch das Kompetenzzentrum befindet sich im Homeoffice. Lesen Sie heute, was Kollegin Renate Kiszkiel dort so erlebt.

Home-Office kann schon zu einer seltsamen Angelegenheit werden, insofern man nicht daran gewöhnt ist. Auf einmal findet man sich etwas zerknautscht, um acht Uhr, weil es die innere Uhr einem so diktiert, am Esszimmertisch, an dem sich nicht nur der Laptop befindet, sondern auch noch die Zeitung vom Wochenende, der Einkaufszettel vom Montag oder die Unterlagen für die Steuer. Irgendwie soll man, von jetzt auf gleich, noch im Schlafanzug starten, und die Vorstellung davon, dass das Ganze auch noch gemütlich sein könnte, schwindet ziemlich schnell. Wenn dann auch noch der Partner mit einem blinkenden Headset an einem vorbei in die Küche düst und angeregt über die nächsten Pandemiestrategien für den Konzern, in dem er arbeitet, diskutiert – fragt man sich: wie lange soll das nochmal gehen? Nach drei Tagen nervt mich das Chaos und ich habe schnell das Gefühl etwas ändern zu wollen. Etwas mehr Struktur, denke ich, das täte mir gut. Ich lese in Onlineratgebern und lerne, feste Arbeitszeiten und regelmäßige Pausen, Bewegung an der frischen Luft – Yoga. Da schnaufe ich kurz und denke: naja, man muss es ja auch nicht gleich übertreiben, oder?!

Renate Kiszkiel

Auf einmal trifft man sich nicht mehr mit Freunden und Kolleginnen, die bisher so selbstverständlich waren und auch der Sportverein, der bisher für Ausgleich sorgte, hat geschlossen. Ich versuche es also doch und gebe den Ratschlägen von Google eine Chance. Und siehe da: Ich überrasche mich selbst! Als Mensch, der gerne und viel Sport macht, aber nicht gerne läuft, merke ich, dass Laufen in der Natur echt schön sein kann. Die Yogatante vom Youtube-Kanal, übrigens mein absoluter Geheimtipp (Mady Morrison – auch für Anfängerinnen geeignet: https://kurzelinks.de/bq0a) scheint auch nicht nur auf einem esoterischen Hippie-Selbstfindungstrip in Berlin zu sein (upsi Vorurteil!), sondern ihre Yogasessions wirklich präzise und gut zu machen (ich schlafe am Ende der Meditation ein – ich glaube das ist nicht das Ziel, tut aber gut!). Die durchtrainierte kleine Trainerin von „Bodykiss“ (https://kurzelinks.de/n2u5) bringt mich ganz schön ins Schwitzen und das ganz ohne zu Springen (Sie denkt halt auch an die Nachbarn! Wie praktisch!)! Und am besten ist eigentlich, dass ich meinen Tag ein wenig so strukturieren kann, wie mein Körper das gerade braucht.

Ich sitze also manchmal im Schlafanzug mit tief schwarzem Kaffee noch total verschlafen am Laptop und manchmal energiegeladen, nach einer morgendlichen Yogasession, im Online-Teammeeting. Ich habe das Gefühl, abgeschottet von allem und vielen sozialen Kontakten kommt man zurück auf sich selbst. Wenn man kann.

Ich weiß, dass viele, die Kinder haben, gerade an ihre Grenzen kommen. Ich weiß auch, dass diese ungewohnte Situation für viele Familien Gefahren birgt. Und noch mulmiger wird mir, wenn ich über meinen Tellerrand in den Norden Bosnien-Herzegowinas oder nach Lesbos schaue, wo Tausende Geflüchtete auf dem Weg in die EU in katastrophalen Zuständen leben, wo es nicht genug Seife und Shampoo gibt, um einen einigermaßen guten Hygienezustand herzustellen.

Ein wenig zerrissen zwischen diesen beiden Zuständen, zu schauen, wie ich kriege ich meinen eigenen Alltag in sehr komfortablen Zuständen geregelt und dem Realisieren, was eigentlich gerade in der Welt passiert, greife ich auf bisher funktionierende und manchmal lebensaufschlüsselnde Strategien zurück: Lesen. Deswegen zum Schluss noch meine Literatur-Highlights, auch, um diese E-Mail nicht so negativ enden zu lassen.

Kleiner Hinweis: Ich lese im Moment Bücher parallel, was ich normalerweise nie tun würde. Liegt vielleicht an dem Modus „Ich probiere Neues aus“.

Also hier die Top 4:

1.) Für alle, die auf kauzige Figuren abfahren: Robert Seethaler schreibt großartige Bücher über Außenseiter. Z.B. „Der Trafikant“ oder „Jetzt wird’s ernst“.

2.) Für alle, die es jetzt etwas romantisch wollen: Hellmuth Karasek hat in dem Verlag teNeues eine tolle Reihe mit dem Titel „Briefe bewegen die Welt herausgegeben. In dem Band „Liebe – Schicksal –Leidenschaft“ sind sehr herzbewegende dabei. Am besten gefällt mir der Brief von Marlene Dietrich an Erich Maria Remarque.

3.) Wer etwas zum Nachdenken braucht, sollte von Ilse Aichinger „Der Gefesselte“ lesen. Eine Kurzgeschichte über einen Mann, der, gefesselt in seinen Strukturen, gerade durch diese wieder frei wird. Klingt paradox – fand ich auch. Den Schluss hab‘ ich noch nicht ganz verstanden. Darüber könnte man sich austauschen!

4.) Und zu guter Letzt: Für alle, die sich auch vorgenommen haben jetzt gesünder zu kochen: „Bosh- einfach aufregend vegan“. Hört sich etwas zu gewollt an? Fand ich auch. Die Rezepte überzeugen dennoch und sind orientalisch angehaucht: Mein Favorit: Falafel-Bosh!-Bowl. Überzeugende Mischung aus Hummus, Falafeln und griechischem Salat. Bringt den Urlaub in die eigenen vier Wände.

Bleiben Sie gesund. Genießen Sie das wunderbare Wetter, insofern Sie die Möglichkeit dazu haben. Und hier jetzt noch der wirklich allerletzte kleine Geheimtipp, v-e-r-s-p-r-o-c-h-e-n! Auch Schreiben hilft. Das zeigt mir die Erfahrung aus dem gerade für Sie formulierten Beitrag.

Diesen interessanten Beitrag fand ich bei Mathias Horx, Zukunftsexperte und Keynotespeaker bei einem unserer vergangenen Arbeitgebertage. Ein- und Aussichten in eine zwar ungewisse, aber spannende Zukunft.

Ich werde derzeit oft gefragt, wann Corona denn „vorbei sein wird”, und alles wieder zur Normalität zurückkehrt. Meine Antwort: Niemals. Es gibt historische Momente, in denen die Zukunft ihre Richtung ändert. Wir nennen sie Bifurkationen. Oder Tiefenkrisen. Diese Zeiten sind jetzt.

Die Welt as we know it löst sich gerade auf. Aber dahinter fügt sich eine neue Welt zusammen, deren Formung wir zumindest erahnen können. Dafür möchte ich Ihnen eine Übung anbieten, mit der wir in Visionsprozessen bei Unternehmen gute Erfahrungen gemacht haben. Wir nennen sie die RE-Gnose. Im Gegensatz zur PRO-Gnose schauen wir mit dieser Technik nicht »in die Zukunft«. Sondern von der Zukunft aus ZURÜCK ins Heute. Klingt verrückt? Versuchen wir es einmal:

Die Re-Gnose: Unsere Welt im Herbst 2020

Stellen wir uns eine Situation im Herbst vor, sagen wir im September 2020. Wir sitzen in einem Straßencafe in einer Großstadt. Es ist warm, und auf der Strasse bewegen sich wieder Menschen. Bewegen sie sich anders? Ist alles so wie früher? Schmeckt der Wein, der Cocktail, der Kaffee, wieder wie früher? Wie damals vor Corona?
Oder sogar besser?
Worüber werden wir uns rückblickend wundern?

Wir werden uns wundern, dass die sozialen Verzichte, die wir leisten mussten, selten zu Vereinsamung führten. Im Gegenteil. Nach einer ersten Schockstarre führten viele von sich sogar erleichtert, dass das viele Rennen, Reden, Kommunizieren auf Multikanälen plötzlich zu einem Halt kam. Verzichte müssen nicht unbedingt Verlust bedeuten, sondern können sogar neue Möglichkeitsräume eröffnen. Das hat schon mancher erlebt, der zum Beispiel Intervallfasten probierte – und dem plötzlich das Essen wieder schmeckte. Paradoxerweise erzeugte die körperliche Distanz, die der Virus erzwang, gleichzeitig neue Nähe. Wir haben Menschen kennengelernt, die wir sonst nie kennengelernt hätten. Wir haben alte Freunde wieder häufiger kontaktiert, Bindungen verstärkt, die lose und locker geworden waren. Familien, Nachbarn, Freunde, sind näher gerückt und haben bisweilen sogar verborgene Konflikte gelöst.

Die gesellschaftliche Höflichkeit, die wir vorher zunehmend vermissten, stieg an.

Jetzt im Herbst 2020 herrscht bei Fussballspielen eine ganz andere Stimmung als im Frühjahr, als es jede Menge Massen-Wut-Pöbeleien gab. Wir wundern uns, warum das so ist.

Wir werden uns wundern, wie schnell sich plötzlich Kulturtechniken des Digitalen in der Praxis bewährten. Tele- und Videokonferenzen, gegen die sich die meisten Kollegen immer gewehrt hatten (der Business-Flieger war besser) stellten sich als durchaus praktikabel und produktiv heraus. Lehrer lernten eine Menge über Internet-Teaching. Das Homeoffice wurde für Viele zu einer Selbstverständlichkeit – einschließlich des Improvisierens und Zeit-Jonglierens, das damit verbunden ist.

Gleichzeitig erlebten scheinbar veraltete Kulturtechniken eine Renaissance. Plötzlich erwischte man nicht nur den Anrufbeantworter, wenn man anrief, sondern real vorhandene Menschen. Das Virus brachte eine neue Kultur des Langtelefonieren ohne Second Screen hervor. Auch die »messages« selbst bekamen plötzlich eine neue Bedeutung. Man kommunizierte wieder wirklich. Man ließ niemanden mehr zappeln. Man hielt niemanden mehr hin. So entstand eine neue Kultur der Erreichbarkeit. Der Verbindlichkeit.

Menschen, die vor lauter Hektik nie zur Ruhe kamen, auch junge Menschen, machten plötzlich ausgiebige Spaziergänge (ein Wort, das vorher eher ein Fremdwort war). Bücher lesen wurde plötzlich zum Kult.

Reality Shows wirkten plötzlich grottenpeinlich. Der ganze Trivia-Trash, der unendliche Seelenmüll, der durch alle Kanäle strömte. Nein, er verschwand nicht völlig. Aber er verlor rasend an Wert.
Kann sich jemand noch an den Political-Correctness-Streit erinnern? Die unendlich vielen Kulturkriege um … ja um was ging da eigentlich?

Krisen wirken vor allem dadurch, dass sie alte Phänomene auflösen, über-flüssig machen…
Zynismus, diese lässige Art, sich die Welt durch Abwertung vom Leibe zu halten, war plötzlich reichlich out.
Die Übertreibungs-Angst-Hysterie in den Medien hielt sich, nach einem kurzen ersten Ausbruch, in Grenzen.

Nebenbei erreichte auch die unendliche Flut grausamster Krimi-Serien ihren Tipping Point.

Wir werden uns wundern, dass schließlich doch schon im Sommer Medikamente gefunden wurden, die die Überlebensrate erhöhten. Dadurch wurden die Todesraten gesenkt und Corona wurde zu einem Virus, mit dem wir eben umgehen müssen – ähnlich wie die Grippe und die vielen anderen Krankheiten. Medizinischer Fortschritt half. Aber wir haben auch erfahren: Nicht so sehr die Technik, sondern die Veränderung sozialer Verhaltensformen war das Entscheidende. Dass Menschen trotz radikaler Einschränkungen solidarisch und konstruktiv bleiben konnten, gab den Ausschlag. Die human-soziale Intelligenz hat geholfen. Die vielgepriesene Künstliche Intelligenz, die ja bekanntlich alles lösen kann, hat dagegen in Sachen Corona nur begrenzt gewirkt.

Damit hat sich das Verhältnis zwischen Technologie und Kultur verschoben. Vor der Krise schien Technologie das Allheilmittel, Träger aller Utopien. Kein Mensch – oder nur noch wenige Hartgesottene – glauben heute noch an die große digitale Erlösung. Der große Technik-Hype ist vorbei. Wir richten unsere Aufmerksamkeiten wieder mehr auf die humanen Fragen: Was ist der Mensch? Was sind wir füreinander?

Wir staunen rückwärts, wieviel Humor und Mitmenschlichkeit in den Tagen des Virus tatsächlich entstanden ist.

Wir werden uns wundern, wie weit die Ökonomie schrumpfen konnte, ohne dass so etwas wie »Zusammenbruch« tatsächlich passierte, der vorher bei jeder noch so kleinen Steuererhöhung und jedem staatlichen Eingriff beschworen wurde. Obwohl es einen »schwarzen April« gab, einen tiefen Konjunktureinbruch und einen Börseneinbruch von 50 Prozent, obwohl viele Unternehmen pleitegingen, schrumpften oder in etwas völlig anderes mutierten, kam es nie zum Nullpunkt. Als wäre Wirtschaft ein atmendes Wesen, das auch dösen oder schlafen und sogar träumen kann.

Heute im Herbst, gibt es wieder eine Weltwirtschaft. Aber die Globale Just-in-Time-Produktion, mit riesigen verzweigten Wertschöpfungsketten, bei denen Millionen Einzelteile über den Planeten gekarrt werden, hat sich überlebt. Sie wird gerade demontiert und neu konfiguriert. Überall in den Produktionen und Service-Einrichtungen wachsen wieder Zwischenlager, Depots, Reserven. Ortsnahe Produktionen boomen, Netzwerke werden lokalisiert, das Handwerk erlebt eine Renaissance. Das Global-System driftet in Richtung GloKALisierung: Lokalisierung des Globalen.

Wir werden uns wundern, dass sogar die Vermögensverluste durch den Börseneinbruch nicht so schmerzen, wie es sich am Anfang anfühlte. In der neuen Welt spielt Vermögen plötzlich nicht mehr die entscheidende Rolle. Wichtiger sind gute Nachbarn und ein blühender Gemüsegarten.

Könnte es sein, dass das Virus unser Leben in eine Richtung geändert hat, in die es sich sowieso verändern wollte?

RE-Gnose: Gegenwartsbewältigung durch Zukunfts-Sprung

Warum wirkt diese Art der »Von-Vorne-Szenarios« so irritierend anders als eine klassische Prognose? Das hängt mit den spezifischen Eigenschaften unseres Zukunfts-Sinns zusammen. Wenn wir »in die Zukunft« schauen, sehen wir ja meistens nur die Gefahren und Probleme »auf uns zukommen«, die sich zu unüberwindbaren Barrieren türmen. Wie eine Lokomotive aus dem Tunnel, die uns überfährt. Diese Angst-Barriere trennt uns von der Zukunft. Deshalb sind Horror-Zukünfte immer am Einfachsten darzustellen.

Re-Gnosen bilden hingegen eine Erkenntnis-Schleife, in der wir uns selbst, unseren inneren Wandel, in die Zukunftsrechnung einbeziehen. Wir setzen uns innerlich mit der Zukunft in Verbindung, und dadurch entsteht eine Brücke zwischen Heute und Morgen. Es entsteht ein »Future Mind« – Zukunfts-Bewusstheit.

Wenn man das richtig macht, entsteht so etwas wie Zukunfts-Intelligenz. Wir sind in der Lage, nicht nur die äußeren »Events«, sondern auch die inneren Adaptionen, mit denen wir auf eine veränderte Welt reagieren, zu antizipieren.

Das fühlt sich schon ganz anders an als eine Prognose, die in ihrem apodiktischen Charakter immer etwas Totes, Steriles hat. Wir verlassen die Angststarre und geraten wieder in die Lebendigkeit, die zu jeder wahren Zukunft gehört. 

Wir alle kennen das Gefühl der geglückten Angstüberwindung. Wenn wir für eine Behandlung zum Zahnarzt gehen, sind wir schon lange vorher besorgt. Wir verlieren auf dem Zahnarztstuhl die Kontrolle und das schmerzt, bevor es überhaupt wehtut. In der Antizipation dieses Gefühls steigern wir uns in Ängste hinein, die uns völlig überwältigen können. Wenn wir dann allerdings die Prozedur überstanden haben, kommt es zum Coping-Gefühl: Die Welt wirkt wieder jung und frisch und wir sind plötzlich voller Tatendrang.

Coping heißt: bewältigen. Neurobiologisch wird dabei das Angst-Adrenalin durch Dopamin ersetzt, eine Art körpereigener Zukunfts-Droge. Während uns Adrenalin zu Flucht oder Kampf anleitet (was auf dem Zahnarztstuhl nicht so richtig produktiv ist, ebenso wenig wie beim Kampf gegen Corona), öffnet Dopamin unsere Hirnsynapsen: Wir sind gespannt auf das Kommende, neugierig, vorausschauend. Wenn wir einen gesunden Dopamin-Spiegel haben, schmieden wir Pläne, haben Visionen, die uns in die vorausschauende Handlung bringen.

Erstaunlicherweise machen viele in der Corona-Krise genau diese Erfahrung. Aus einem massiven Kontrollverlust wird plötzlich ein regelrechter Rausch des Positiven. Nach einer Zeit der Fassungslosigkeit und Angst entsteht eine innere Kraft. Die Welt »endet«, aber in der Erfahrung, dass wir immer noch da sind, entsteht eine Art Neu-Sein im Inneren.

Mitten im Shut-Down der Zivilisation laufen wir durch Wälder oder Parks, oder über fast leere Plätze. Aber das ist keine Apokalypse, sondern ein Neuanfang.

So erweist sich: Wandel beginnt als verändertes Muster von Erwartungen, von Wahr-Nehmungen und Welt-Verbindungen. Dabei ist es manchmal gerade der Bruch mit den Routinen, dem Gewohnten, der unseren Zukunfts-Sinn wieder freisetzt. Die Vorstellung und Gewissheit, dass alles ganz anders sein könnte – auch im Besseren.

Vielleicht werden wir uns sogar wundern, dass Trump im November abgewählt wird. Die AFD zeigt ernsthafte Zerfransens-Erscheinungen, weil eine bösartige, spaltende Politik nicht zu einer Corona-Welt passt. In der Corona-Krise wurde deutlich, dass diejenigen, die Menschen gegeneinander aufhetzen wollen, zu echten Zukunftsfragen nichts beizutragen haben. Wenn es ernst wird, wird das Destruktive deutlich, das im Populismus wohnt.

Politik in ihrem Ur-Sinne als Formung gesellschaftlicher Verantwortlichkeiten bekam dieser Krise eine neue Glaubwürdigkeit, eine neue Legitimität. Gerade weil sie »autoritär« handeln musste, schuf Politik Vertrauen ins Gesellschaftliche. Auch die Wissenschaft hat in der Bewährungskrise eine erstaunliche Renaissance erlebt. Virologen und Epidemiologen wurden zu Medienstars, aber auch »futuristische« Philosophen, Soziologen, Psychologen, Anthropologen, die vorher eher am Rande der polarisierten Debatten standen, bekamen wieder Stimme und Gewicht.

Fake News hingegen verloren rapide an Marktwert. Auch Verschwörungstheorien wirkten plötzlich wie Ladenhüter, obwohl sie wie saures Bier angeboten wurden.

Ein Virus als Evolutionsbeschleuniger

Tiefe Krisen weisen obendrein auf ein weiteres Grundprinzip des Wandels hin: Die Trend-Gegentrend-Synthese.

Die neue Welt nach Corona – oder besser mit Corona – entsteht aus der Disruption des Megatrends Konnektivität. Politisch-ökonomisch wird dieses Phänomen auch »Globalisierung« genannt. Die Unterbrechung der Konnektivität – durch Grenzschließungen, Separationen, Abschottungen, Quarantänen – führt aber nicht zu einem Abschaffen der Verbindungen. Sondern zu einer Neuorganisation der Konnektome, die unsere Welt zusammenhalten und in die Zukunft tragen. Es kommt zu einem Phasensprung der sozio-ökonomischen Systeme.

Die kommende Welt wird Distanz wieder schätzen – und gerade dadurch Verbundenheit qualitativer gestalten. Autonomie und Abhängigkeit, Öffnung und Schließung, werden neu ausbalanciert. Dadurch kann die Welt komplexer, zugleich aber auch stabiler werden. Diese Umformung ist weitgehend ein blinder evolutionärer Prozess – weil das eine scheitert, setzt sich das Neue, überlebensfähig, durch. Das macht einen zunächst schwindelig, aber dann erweist es seinen inneren Sinn: Zukunftsfähig ist das, was die Paradoxien auf einer neuen Ebene verbindet.

Dieser Prozess der Komplexierung – nicht zu verwechseln mit Komplizierung – kann aber auch von Menschen bewusst gestaltet werden. Diejenigen, die das können, die die Sprache der kommenden Komplexität sprechen, werden die Führer von Morgen sein. Die werdenden Hoffnungsträger. Die kommenden Gretas.

„Wir werden durch Corona unsere gesamte Einstellung gegenüber dem Leben anpassen – im Sinne unserer Existenz als Lebewesen inmitten anderer Lebensformen.”

Slavo Zizek im Höhepunkt der Coronakrise Mitte März

Jede Tiefenkrise hinterlässt eine Story, ein Narrativ, das weit in die Zukunft weist. Eine der stärksten Visionen, die das Coronavirus hinterlässt, sind die musizierenden Italiener auf den Balkonen. Die zweite Vision senden uns die Satellitenbilder, die plötzlich die Industriegebiete Chinas und Italiens frei von Smog zeigen. 2020 wird der CO&sub2;-Ausstoss der Menschheit zum ersten Mal fallen. Diese Tatsache wird etwas mit uns machen.

Wenn das Virus so etwas kann – können wir das womöglich auch? Vielleicht war der Virus nur ein Sendbote aus der Zukunft. Seine drastische Botschaft lautet: Die menschliche Zivilisation ist zu dicht, zu schnell, zu überhitzt geworden. Sie rast zu sehr in eine bestimmte Richtung, in der es keine Zukunft gibt.

Aber sie kann sich neu erfinden.
System reset.
Cool down!
Musik auf den Balkonen!

So geht Zukunft.

Hinweis: Dieser Text ist frei abdruckbar mit dem Hinweis: www.horx.com und www.zukunftsinstitut.de.

In ganz Deutschland sind die Schulen seit gestern geschlossen. Für das Bildungssystem ist das eine enorme Herausforderung: Die Kinder müssen weiterhin betreut, der Unterrichtsausfall kompensiert werden. Viele Bundesländer wollen auf digitale Alternativen setzen und Unterrichtsmaterial etwa per E-Mail verschicken – doch dazu fehlt die nötige Kompetenz und Infrastruktur. Im BLOG heute ein Artikel von David Meinhard vom Institut der Deutschen Wirtschaft Köln.

In der Nacht zum Freitag, 13. März 2020, beschloss das Saarland als erstes deutsches Bundesland, alle Schulen und Kindertagesstätten zu schließen. Im Laufe des Tages und des Wochenendes taten es alle anderen Bundesländer dem Saarland gleich. Seit Anfang dieser Woche sind alle Schulen in Deutschland geschlossen. Doch wie sollen die Schüler jetzt lernen? Das Bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultus beispielsweise empfiehlt digitale Medien, „um ortsunabhängig kommunizieren, lernen und arbeiten zu können.“ Schulleiter sollen die „digitalen Möglichkeiten“ ihrer Schulen prüfen.

Das Coronavirus offenbart ein grundsätzlich verkürztes Verständnis des Einsatzes digitaler Medien: Gibt es Personalmangel, Raumnot oder, wie in diesem Fall, eine gesundheitliche Krisensituation, sollen E-Learning und Co. zum Einsatz kommen und alles richten. In der öffentlichen Wahrnehmung und in den Augen der Entscheidungsträger wird das Potenzial des digitalen Lernens nicht erkannt. E-Learning ist für viele noch immer eine Notlösung – dabei sollte digitaler Unterricht mittlerweile zum Alltag der Schüler gehören. 
Die Lücke, die durch Corona entstanden ist, kann nur mit hinreichenden technischen Lösungen und didaktischen Konzepten für den medialen Fernunterricht gefüllt werden. Beides suchten die Schulkinder in Deutschland schon vor Corona vergeblich: Wie der INSM Bildungsmonitor 2019 zeigt, fehlt es weiterhin an einer flächendeckenden und zuverlässigen technischen Infrastruktur. Den Lehrern wiederum fehlen die nötigen Kompetenzen, um auch online zu unterrichten. Es ist naiv davon auszugehen, dass es Schulleitungen, Lehrern und Betreuungspersonen während der Corona-Krise gelingt, innerhalb weniger Tage ein völlig ausgereiftes Konzept für das E-Learning zu schaffen. 

Universitäten sind einen Schritt voraus

Was nun gebraucht wird, sind pragmatische Kurzfristlösungen. Es gilt, den Schaden, der durch den Unterrichtsausfall entsteht, zu begrenzen. Die Schulen sollten Schulplattformen oder Werkzeuge der Kultusministerien und Landesmedienzentren für die Kommunikation mit den Schülern sowie zur Verteilung von Lehrmaterialien nutzen, um Fernunterricht zu ermöglichen. Hier zahlt es sich aus, wenn Schulen einen guten Medienentwicklungsplan erarbeitet haben, wie er auch im Zuge des „DigitalPakt Schule“ gefordert wurde. Lehrer sollten sich über verfügbare Lern-Apps und freie digitale Lernressourcen informieren und diese an die Schüler weitergeben. Der Austausch von erfolgreichen Konzepten sollte vorangetrieben werden, wie es bereits auf Twitter mit dem Hashtag „#Twitterlehrerzimmer“ geschieht. Auch ein Blick auf die Universitäten lohnt sich: Hier wird bereits seit vielen Jahren das Material online bereitgestellt. Vereinzelt werden sogar ganze Vorlesungen als Video aufgenommen oder live gestreamt.  
Mit einem Mindestmaß an Kreativität und Aufgeschlossenheit ließe sich das kommende unterrichtsfreie Zeitfenster zumindest als Erfahrungsraum für Lehrer und Schüler öffnen. Langfristig muss eine digitale Infrastruktur aufgebaut werden, um die Potenziale des digitalen Lernens zu nutzen.  Nachhaltige Investitionen, auch in die Beteiligten, sind gefragt, damit E-Learning in Zukunft keine Notlösung mehr ist. 

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