Deutschland versteht sich als Industrienation, als Exportweltmeister, als Hightech-Standort. Doch ausgerechnet bei der systematischen technischen Bildung in den Schulen leistet sich das Land eklatante Defizite. Für das Gelingen des Geschäftsmodells der deutschen Wirtschaft ist die Verfügbarkeit gut ausgebildeter Fachkräfte im technischen Bereich von zentraler Bedeutung – und dennoch fehlt ein flächendeckendes Pflichtfach Technik an weiterführenden Schulen. Die entscheidende Frage lautet nicht mehr, ob wir Technikunterricht verpflichtend einführen sollten – sondern warum wir es uns immer noch leisten, darauf zu verzichten.

Fachkräftemangel mit Ansage

Wie Wido Geis-Thöne, Senior Economist für Familienpolitik und Migrationsfragen beim Institut der Deutschen Wirtschaft, betont, entscheiden sich seit Jahren immer weniger junge Menschen in Deutschland für ein ingenieurwissenschaftliches Studium. Gleichzeitig gehen die geburtenstarken Jahrgänge der Babyboomer in Rente. Der ohnehin bestehende Fachkräfteengpass im technischen Bereich wird sich dadurch weiter verschärfen.

Diese Entwicklung kommt nicht überraschend – sie ist das Ergebnis struktureller Versäumnisse. Wer technische Kompetenzen erst im Studium „entdecken“ soll, kommt oft zu spät mit ihnen in Berührung. Interessen entstehen früh – oder gar nicht.

Technikmündigkeit: Mehr als nur Fachkräftesicherung

Es geht jedoch nicht nur um ökonomische Interessen. Für die gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands ist es entscheidend, dass Kinder und Jugendliche zu technikmündigen Bürgerinnen und Bürgern heranwachsen.

Technikmündigkeit bedeutet:

  • technische Systeme im Alltag verstehen,

  • Chancen und Risiken von Innovationen realistisch einschätzen,

  • keine diffusen Ängste gegenüber neuen Technologien entwickeln,

  • aktiv an einer digitalisierten und technologisierten Gesellschaft teilhaben.

Diese Kompetenzen entstehen nicht automatisch durch Mediennutzung oder beiläufige Digitalisierung. Sie benötigen strukturierte, systematische Bildung.

Physik ist nicht Technik

Oft wird argumentiert, andere MINT-Fächer – insbesondere Physik – könnten technische Bildung mit abdecken. Das ist jedoch nur teilweise zutreffend.

Physik vermittelt naturwissenschaftliche Grundlagen. Technikunterricht hingegen verbindet:

  • naturwissenschaftliche Prinzipien,

  • konstruktives Denken,

  • Problemlösekompetenz,

  • praktische Umsetzung,

  • gesellschaftliche Reflexion technologischer Entwicklungen.

Technik ist anwendungsorientiert, interdisziplinär und lebensnah. Genau diese Perspektive fehlt vielerorts im Fächerkanon.

Ein Flickenteppich in Deutschland

Ein Blick auf die Bundesländer offenbart ein ernüchterndes Bild:

Gymnasien

Verpflichtender Technikunterricht existiert nur in sieben Bundesländern – meist mit sehr geringem Umfang.

  • Spitzenreiter sind Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern mit jeweils nur 2,0 Wochenstunden während der gesamten Schullaufbahn.

  • Bezieht man Wahlpflichtangebote ein, bleibt Brandenburg mit 2,3 Stunden vorn.

  • Werden Physik und Informatik anteilig berücksichtigt, liegt Mecklenburg-Vorpommern mit 5,0 Stunden an der Spitze.

  • Schlusslicht ist Hessen mit lediglich 1,3 Stunden.

Nichtgymnasialer Bereich

Hier ist die Lage etwas besser, aber keineswegs zufriedenstellend:

  • Thüringen erreicht im Pflichtbereich durchschnittlich 4,6 Stunden – unter Einbeziehung des Wahlpflichtbereichs sogar 5,2 Stunden.

  • Sachsen folgt mit 3,3 Stunden.

  • Bremen (1,0 Stunden) und Saarland (1,1 Stunden) bilden das untere Ende.

  • Besonders kritisch: In Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz ist an keiner allgemeinbildenden Schulform verpflichtender Technikunterricht vorgesehen.

Für eine Technologie- und Industrienation ist das ein Armutszeugnis.

Was jetzt passieren muss

Ein bloßes „Weiter so“ verschärft die Probleme. Notwendig ist:

1. Einführung eines bundesweiten Pflichtfachs Technik

  • mindestens drei bis vier Wochenstunden,

  • durchgehend vom Übergang in die weiterführende Schule bis zum Ende der Sekundarstufe I.

2. Stufenweiser Ausbau an Gymnasien

Kurzfristig wird eine vollständige Umsetzung kaum möglich sein. Daher:

  • Ausbau von Wahl- und Wahlpflichtangeboten,

  • sukzessive Ausweitung auf immer mehr Schulen,

  • schrittweise Überführung in ein Pflichtfach.

3. Integration technischer Inhalte in bestehende Fächer

Naturwissenschaftliche Fächer können stärker technikorientiert erweitert werden – jedoch nur mit:

  • gezielter Fortbildung der Lehrkräfte,

  • klarer curricularer Verankerung,

  • didaktisch fundierten Konzepten.

4. Qualität vor Quantität

Mehr Stunden allein reichen nicht. Entscheidend ist:

  • praxisorientierter Unterricht,

  • moderne Ausstattung,

  • qualifizierte Lehrkräfte,

  • verbindliche Qualitätsstandards.

Technische Bildung darf kein „Bastelunterricht“ sein, sondern muss systematisch Kompetenzen aufbauen.

Zusammenfassung: Zukunftsfähigkeit braucht Technikunterricht

Deutschland diskutiert über Digitalisierung, Energiewende, Künstliche Intelligenz und industrielle Transformation – doch in den Klassenzimmern fehlt oft die strukturelle Grundlage, um junge Menschen auf diese Herausforderungen vorzubereiten.

Wer den Fachkräftemangel ernst nimmt, wer gesellschaftliche Technikkompetenz stärken will und wer Innovationsfähigkeit sichern möchte, kommt an einem verbindlichen, qualitativ hochwertigen Pflichtfach Technik nicht vorbei.