Wie lange werden wir arbeiten? Die Arbeitswelt wird länger – aber auch anders

So viele Jahre wird ein heute 15-Jähriger voraussichtlich auf dem Arbeitsmarkt aktiv sein
37,5 Jahre: So lange wird ein heute 15-jähriger Mensch in der Europäischen Union statistisch betrachtet voraussichtlich im Berufsleben stehen. Das klingt zunächst nach einer abstrakten Zahl. Tatsächlich steckt dahinter eine der großen Fragen unserer Arbeitsgesellschaft: Wie lange wollen, können und müssen Menschen künftig arbeiten?
Eine aktuelle Auswertung des Instituts der deutschen Wirtschaft auf Basis von Eurostat-Daten zeigt: Die Lebensarbeitszeit in Europa steigt. 2021 lag sie noch bei durchschnittlich 36 Jahren, inzwischen sind es 37,5 Jahre. Deutschland liegt mittlerweile bei gut 40 Jahren – gegenüber 38,8 Jahren im Jahr 2021.
Besonders interessant ist der Blick auf die europäischen Nachbarn. In den Niederlanden liegt die erwartete Lebensarbeitszeit inzwischen bei rund 44 Jahren und damit EU-weit an der Spitze. In Rumänien sind es dagegen knapp 33 Jahre. Auch Italien liegt deutlich niedriger. Die Unterschiede zwischen den Ländern sind also erheblich.
Länger arbeiten – aber warum?
Hinter dieser Entwicklung stehen mehrere Faktoren. Zum einen steigen in vielen Ländern die gesetzlichen Renteneintrittsalter. Zum anderen arbeiten heute deutlich mehr Frauen als noch vor einigen Jahrzehnten. Beides führt dazu, dass die statistisch erwartete Zeit im Erwerbsleben zunimmt.
Für Deutschland ist das eine besonders relevante Entwicklung. Denn gleichzeitig verabschiedet sich die Generation der Babyboomer Schritt für Schritt aus dem Arbeitsmarkt. In den kommenden Jahren werden Millionen Beschäftigte in den Ruhestand gehen. Das verschärft bestehende Fachkräfteengpässe zusätzlich.
Damit verändert sich auch die Perspektive auf das Thema „Arbeiten bis zur Rente“.
Die entscheidende Frage lautet nicht nur: Wie lange?
Aus meiner Sicht sollten wir die Diskussion deshalb nicht allein auf das Renteneintrittsalter reduzieren.
Die viel wichtigere Frage lautet: Wie gestalten wir ein Arbeitsleben, das vier Jahrzehnte und länger attraktiv, gesund und erfolgreich bleiben kann?
Das beginnt bei der Bildung.
Wer heute 15 Jahre alt ist, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit noch weit über das Jahr 2070 hinaus mit der Arbeitswelt verbunden sein. Niemand kann heute genau sagen, welche Berufe dann existieren, welche Technologien eingesetzt werden oder welche Kompetenzen Unternehmen benötigen.
Deshalb wird lebenslanges Lernen vom Schlagwort zur Notwendigkeit.
Ausbildung darf nicht mehr als Abschluss verstanden werden, mit dem das Lernen endet. Sie muss vielmehr der Einstieg in eine berufliche Entwicklung sein, die sich über Jahrzehnte fortsetzt. Weiterbildung, berufliche Neuorientierung und der Erwerb neuer Kompetenzen werden selbstverständlich werden müssen.
Bildung wird zum Schlüssel für längere Erwerbsbiografien
Gerade deshalb ist es wichtig, junge Menschen frühzeitig auf die Arbeitswelt vorzubereiten – nicht, indem wir ihnen einen bestimmten Beruf „verordnen“, sondern indem wir ihnen Orientierung, Selbstvertrauen und Einblicke in unterschiedliche Berufsfelder ermöglichen.
Berufsorientierung bekommt damit eine völlig neue Bedeutung.
Sie hilft nicht nur bei der Frage: „Was möchte ich nach der Schule machen?“
Sie sollte junge Menschen auch darauf vorbereiten, dass ein Berufsleben heute nicht mehr zwingend linear verläuft. Wechsel des Berufs, neue Qualifikationen, Weiterbildungen oder sogar mehrere berufliche Neuorientierungen können künftig ganz normal sein.
Ältere Beschäftigte stärker in den Blick nehmen
Gleichzeitig müssen Unternehmen lernen, mit längeren Erwerbsbiografien umzugehen.
Wer 40 oder mehr Jahre arbeitet, bringt enorme Erfahrung mit. Diese Erfahrung ist gerade angesichts des Fachkräftemangels ein wichtiger Wettbewerbsvorteil.
Deshalb brauchen wir Arbeitsbedingungen, die es ermöglichen, länger zu arbeiten, ohne einfach nur länger „durchzuhalten“.
Dazu gehören flexible Arbeitszeitmodelle, Weiterbildung auch für ältere Beschäftigte, altersgerechte Arbeitsplätze, Gesundheitsförderung und vor allem eine Unternehmenskultur, in der Erfahrung nicht als Auslaufmodell, sondern als Ressource verstanden wird.
Die Arbeitswelt von morgen braucht alle Generationen
Die Zahlen des IW zeigen vor allem eines: Das Arbeitsleben wird länger. Aber daraus darf nicht automatisch die Forderung entstehen, dass alle Menschen möglichst lange im bisherigen Modell arbeiten müssen.
Wir sollten vielmehr darüber sprechen, wie Arbeit über verschiedene Lebensphasen hinweg gestaltet werden kann.
Vielleicht ist die entscheidende Zukunftsfrage deshalb gar nicht:
„Wie lange werden wir arbeiten?“
Sondern:
„Wie schaffen wir es, dass Menschen auch nach 40 Jahren Berufserfahrung noch gerne arbeiten – und dass Unternehmen ihnen dafür die richtigen Bedingungen bieten?“
Für die Bildungslandschaft bedeutet das: Wir müssen heute die Voraussetzungen dafür schaffen, dass Menschen lernen, sich verändern und beruflich immer wieder neu anfangen können.
Denn wenn ein Berufsleben künftig vier Jahrzehnte und länger dauert, reicht es nicht mehr, einmal für den Beruf zu lernen.
Wir müssen lernen, ein Leben lang beruflich lernfähig zu bleiben.
Quelle: Institut der deutschen Wirtschaft / Eurostat, „Wie lange werden wir arbeiten?“, 11. August 2026.
