Ver­öf­fent­licht am Febru­ar 2, 2019

Deutsch­land wird immer wie­der dafür kri­ti­siert, dass der Bil­dungs­er­folg ent­schei­dend abhängt vom Eltern­haus und dem sozia­len Umfeld. NRW-Bil­dungs­mi­nis­te­rin Gebau­er will hier anset­zen und ernann­te die ers­ten 35 Talent­schu­len. Ins­ge­samt sol­len es ein­mal 60 wer­den, die alle­samt in benach­tei­lig­ten Stadt­ge­bie­ten plat­ziert sind.

Jede Talent­schu­le soll ein indi­vi­du­el­les päd­ago­gi­sches Kon­zept umset­zen und bekommt 2.500 EUR für Fort­bil­dun­gen. Außer­dem gibts 400 zusätz­li­che Stel­len für Lehr­kräf­te und Sozi­al­ar­bei­ter. Was den Schu­len nicht „schme­cken wird“: Die Stel­len sol­len unter ande­rem mit Men­schen besetzt wer­den, die in einem Unter­neh­men der Stadt frei­ge­setzt wor­den sind (ob dies eine Vor­ga­be des Arbeits­mi­nis­ters war?). Also: Quer­ein­stei­ger, zunächst ohne päd­ago­gi­schem Hin­ter­grund. So etwas mögen „rich­ti­ge Leh­rer“ nicht. Sie kön­nen sich aller­dings auch mit Quer­ein­stei­gern anfreun­den, wenn es päd­ago­gi­sche Wei­ter­bil­dun­gen gibt. Ich ken­ne eini­ge Quer­ein­stei­ger: sie alle sind moti­viert und enga­giert und bie­ten ihren Schü­lern viel Wis­sen und Hin­ter­grund. Und eines muss klar sein: vor allem in den Berei­chen Tech­nik, Infor­ma­tik, Natur­wis­sen­schaf­ten herrscht Fach­kräf­te­man­gel, der zukünf­tig nur noch mit Quer­ein­stei­gern zufül­len sein wird. Aber, dies ist ein neu­es, ande­res The­ma.

Die Idee der Talent­schu­len mag grund­sätz­lich eine gute Idee sein, aber vie­le geplan­ten Modu­le sind nicht abhän­gig von Geld und Stel­len, son­dern von exter­nen Insti­tu­tio­nen, die ohne neue Res­sour­cen zu bekom­men, unter­stüt­zen sol­len. Bei­spiels­wei­se sol­len sich die Schu­len ver­net­zen mit Unter­neh­men und Stif­tun­gen (das aber könn­ten sie heu­te schon, wenn sie den Nut­zen für sich und ihre Schu­len erken­nen wür­den).

Berufs­kol­leg sol­len ihre Berufs­fel­der­kun­dun­gen aus­bau­en. Die­se BFEs gibts bereits in jeder Stadt, wer­den aber von den Schu­len sehr unter­schied­lich genutzt. Im schu­li­schen Über­gangs­ma­nage­ment sind die­se BFEs plat­ziert in der 8. Klas­se, nach der Poten­zi­al­ana­ly­se und vor dem fokus­sier­ten Prak­ti­kum in der 9. Klas­se. Sie fin­den in Unter­neh­men statt und dau­ern bis zu sechs Stun­den. Schü­ler sol­len sich die­se nach ihren Inter­es­sen und Fähig­kei­ten aus­su­chen – das gelingt aber sel­ten. Meis­tens geben die Schu­len Unter­neh­men vor, in denen die Schü­ler BFEs zu absol­vie­ren haben oder Eltern besor­gen ihren Kin­dern Plät­ze – hier sind nicht die Talen­te der Kin­der gefragt, son­dern die Kon­tak­te der Eltern. Aber, es gibt auch gute Bei­spie­le, wo es bes­ser läuft, z.B. in Düs­sel­dorf und Gel­sen­kir­chen.

Lei­der befin­den sich die Zah­len der BFEs auf dem Rück­marsch, weil die Unter­neh­men wenig Nut­zen dar­in erken­nen, sich mit 13jährigen Puber­tie­ren sechs Stun­den aus­ein­an­der set­zen zu müs­sen. Aller­dings sind BFEs eine sehr gute Mög­lich­kei­ten, ers­te Ein­sich­ten in die Arbeit- und Berufs­welt zu bekom­men. Doch, auch dies ist ein neu­es, ande­res The­ma.

Zurück zu den Talent­schu­len. Kri­ti­ker der Talent­schu­len ver­ste­hen nicht, war­um nur 60 Schu­len in NRW gestärkt wer­den und ande­re nicht. Schu­len, die eine För­de­rung nötig hät­ten, bekä­men nichts aus dem Topf, schimpft der NRW-Chef der Lan­des­schü­ler­ver­tre­tung. Auch die SPD hält nichts von den Talent­schu­len, das mag aber auch Poli­tik sein bei einer CDU/FDP-Regie­rung. Der Leh­rer­ver­band leh­rer nrw begrüßt hin­ge­gen die Idee, der man eine Chan­ce geben soll­te.

149 Bewer­bun­gen gab es für die­se ers­te Run­de, eine „inter­es­sant“ besetz­te Jury such­te die ers­ten 35 Schu­len aus: ein Koch, der auch TV-Mode­ra­tor ist, ein Pro­fes­sor für Päd­ago­gik, ein Unter­neh­mer und eine Schü­le­rin, der Rek­tor einer Fach­hoch­schu­le, die Gleich­stel­lungs­be­auf­trag­te einer Hoch­schu­le, ein pen­sio­nier­ter Leh­rer, meh­re­re Bil­dungs­for­scher, noch eine Pro­fes­so­rin, dies­mal für Fach­di­dak­tik, noch ein Pro­fes­sor mit dem Schwer­punkt Inte­gra­ti­ons­for­schung, ein ehe­ma­li­ger NRW-Sport­mi­nis­ter. Getrost kann man glau­ben, dass die meis­ten die­ser Jury­mit­glie­der kei­ne direk­ten und prak­ti­schen Ein­bli­cke in unse­re NRW-Schu­len haben. War­um wur­den nicht Men­schen ein­ge­la­den, die oft in Schu­len sind? Und Men­schen, die zu den inter­nen und exter­nen Ziel­grup­pen von Schu­le gehö­ren (z.B. Eltern, Aus­bil­dungs­lei­ter, loka­le Bil­dungs­ex­per­ten)?

Man soll­te den Talent­schu­len auf jeden Fall eine Chan­ce geben. Mit den aus­ge­such­ten Schu­len in Gel­sen­kir­chen ste­he ich im Kon­takt. Dort ist die Nach­richt zwar bereits ange­kom­men, aber die Schu­len haben noch kei­ne Info, wie es nach den Som­mer­fe­ri­en los gehen wird. Vor allem bleibt die Fra­ge, wo die vie­len neu­en Leh­rer her­kom­men sol­len, denn in den ent­schei­de­nen Fächern ist der Markt leer­ge­fegt.

Ich den­ke: ohne die exter­nen Netz­wer­ken (Unter­neh­mer­ver­bän­de, Netz­werk Schule/Wirtschaft, Bil­dungs­stif­tun­gen etc.) wer­den es auch die neu­en Talent­schu­len nicht leicht haben. Und eine Chan­ce soll­ten sie bekom­men, denn: es geht immer um unse­re Kin­der!

Infos zu den Talent­schu­len gibts hier: https://www.schulministerium.nrw.de/docs/Schulentwicklung/Talentschulen/index.html