Ver­öf­fent­licht am Janu­ar 26, 20191

Da gehen die Mei­nung von Leh­rern, Eltern, Schü­lern und Digi­tal­fach­leu­ten sowie Lern­ex­per­ten weit aus­ein­an­der: Brau­chen unse­re Schü­ler mehr als Tablets? Die­se The­se stell­te jeden­falls in die­ser Woche Felix Nat­ter­mann auf. Nat­ter­mann ist Mathe- und Infor­ma­tik­leh­rer an einem Gym­na­si­um in Mön­chen­glad­bach und Grün­der vom www.codeclub.de.

Viel mehr Schü­ler sol­len nach dem Wil­len der neu­en Staats­mi­nis­te­rin für Digi­ta­li­sie­rung, Doro­thee Bär, ein Tablet im Unter­richt benut­zen. Das meint die CSU-Minis­te­rin aber nicht vor­dring­lich bezüg­lich irgend­wel­cher digi­ta­ler Kom­pe­ten­zen, son­dern weil der Schul­ran­zen zu schwer sei.

Auch mit einem Tablet sei­en die aktu­ells­ten Infor­ma­tio­nen abruf­bar, sag­te Bär – und ver­wies auf ihren schwe­ren Diercke-Welt­at­las aus den 80er Jah­ren, den sie noch bis Ende der 90er Jah­re benutzt habe: mit zwei Deutsch­lands, einem Jugo­sla­wi­en und einer Sowjet­uni­on. «Bes­ser die Schü­ler lesen Goe­thes Faust auf dem Tablet als irgend­ei­nen Schund auf Papier», sag­te sie.

Auch Klein­kin­der könn­ten Tablet-Com­pu­ter ohne Beden­ken nut­zen, meint die Staats­mi­nis­te­rin. «Es gibt für Kin­der tol­le Lern-Apps mit schö­nen Illus­tra­tio­nen oder Tier­stim­men. Wenn ein zwei­jäh­ri­ges Kind sich so etwas für fünf Minu­ten anschaut, ist das kein Pro­blem.» Über die­se The­se lässt sich natür­lich strei­ten, aber las­sen wir das an die­ser Stel­le.

Deutsch­land liegt beim Ein­füh­ren und Nut­zen von Com­pu­tern, Note­books und Smart­pho­nes in der Schu­le hoff­nungs­los weit zurück. Das wis­sen alle Betrof­fe­nen und Ent­schei­der. Aber: Ist das ein Pro­blem? „Nein“, sagt Hirn­for­scher Man­fred Spit­zer. Das Tablets in Bil­dungs­ein­rich­tun­gen aus­ge­ge­ben wer­den, sei ein Skan­dal, sag­te Spit­zer unlängst im Deutsch­land­funk: “ (…) Das zei­gen übri­gens auch die Stu­di­en. Eine gro­ße Blikk-Stu­die aus dem letz­ten Jahr, von deut­schen Kin­der­ärz­ten an 6000 Per­so­nen gemacht. Da kommt raus, dass die 13-Jäh­ri­gen sich durch das Smart­pho­ne über­for­dert füh­len und dass sie die Kon­trol­le über das Smart­pho­ne ver­lie­ren, weil das Smart­pho­ne – das wis­sen wir auch – sucht­er­zeu­gen­de Eigen­schaf­ten hat. In Korea gab es über 30 Pro­zent Süch­ti­ge, wir sind bei acht Pro­zent. Da kön­nen wir nicht sagen, geh‘ damit um!“

Man­fred Spit­zer ergänzt: “ (…) Es hat sich gezeigt, dass je medi­en­kom­pe­ten­ter ein Kind ist, des­to eher liest es Bücher und nicht vom Bild­schirm. Spit­zer gibts auch zuhö­ren: https://www.youtube.com/watch?v=cn4M3ZYV5-o.

Leh­rer Nat­ter­mann hält dage­gen mit einer etwas ande­ren Per­spek­ti­ve. Er erklärt unser Schul­sys­tem für kom­plett ver­al­tet. In der Rhei­ni­schen Post sagt er: „Das, was Schü­ler für ihre Zukunft brau­chen, und das, was wir ihnen in der Schu­le bei­brin­gen, ist wider­sprüch­lich und passt an vie­len Stel­len ein­fach nicht mehr zusam­men. Mit Blick auf den künf­ti­gen Beruf berei­ten wir Schü­ler auf Bran­chen vor, die weg­bre­chen wer­den, wäh­rend sie das, was sie brau­chen wer­den – näm­lich digi­ta­les Den­ken – nicht ler­nen. Es wird in Zukunft nicht mehr dar­um gehen, nach stan­dar­di­sier­ten Ver­fah­ren etwas abzu­ar­bei­ten, son­dern nach­zu­den­ken, quer­zu­den­ken, sich sel­ber neue Sachen anzu­eig­nen, im Team zu arbei­ten und krea­ti­ve Wege zu fin­den. Es geht ums Kno­beln und Aus­tüf­teln. Der Mensch muss das kön­nen, was der Com­pu­ter nicht kann.“

Die Repor­te­rin fragt Nat­ter­mann, ob es denn aus­rei­chen wür­de, die Kin­der mit Tablets aus­zu­stat­ten. Auch hier bezieht der 39jährige ein­deu­tig Stel­lung: „Ganz und gar nicht. Wenn die Schü­ler Tablets haben, ist das gut, aber das gehört nur in den Bereich, in dem der Com­pu­ter als Werk­zeug dient. Tablets und der Com­pu­ter­ein­satz im Unter­richt hel­fen beim Erar­bei­ten von Inhal­ten in den unter­schied­lichs­ten Fächern, nicht aber direkt beim The­ma Medi­en­kom­pe­tenz. Zie­hen und Kli­cken kön­nen die Schü­ler auch so schon.

In der Schu­le müs­sen wir uns aber um drei Berei­che küm­mern. Wir müs­sen auch für eine infor­ma­ti­ons­tech­ni­sche Grund­bil­dung (ITG) sor­gen. Ein Stich­wort ist hier Medi­en­kom­pe­tenz. Die Schü­ler müs­sen begrei­fen, was mit Daten pas­siert, wo sie gespei­chert wer­den, wie auf sie zuge­grif­fen wird. Zum Bei­spiel, war­um man bei You­tube immer nur Vide­os mit einer bestimm­ten Aus­rich­tung ange­zeigt bekommt. Dazu gehört auch der Daten­schutz. Außer­dem gibt es die Infor­ma­tik – den Bereich, wo der Mensch als Ent­wick­ler auf­tritt, wo Daten gesam­melt wer­den, Pro­gram­me geschrie­ben, Algo­rith­men ein­ge­setzt. Die­se drei Berei­che muss man unter­schei­den, und man muss sie in der Schu­le alle bedie­nen.“

Also, die­ses The­ma bleibt aktu­ell und wird uns so schnell ver­mut­lich nicht ver­las­sen. Übri­gens: 40 Mil­lio­nen mal wur­de inzwi­schen auf der Video­platt­form TED ein Vor­trag des bri­ti­schen Bil­dungs­for­schers Sir Ken Robin­son ange­klickt, der den Titel hat „Wie Schu­le Krea­ti­vi­tät tötet“. https://www.youtube.com/watch?v=YYacgRldEDA